Artur und Klementine: Ehe mit Grammophon

1976 bei Contact Studio, Milano erschienen

Deutsch: Carlsen 1977

Schon im Titel wird klar, wer in dieser Ehe an erster Stelle steht: Artur.

Klementine möchte sich bilden, reisen und künstlerisch betätigen, aber Artur lässt sie nicht. Klementine langweilt sich; Artur, der den ganzen Tag unterwegs auf Nahrungssuche ist, reagiert empört. Sie wünscht sich eine Flöte, er schenkt ihr ein Grammophon. Sie will malen, er bringt ihr ein Bild mit und so weiter.

All die Gegenstände, die er ihr mitbringt, weil er ja merkt, dass ihr etwas fehlt, schnürt er auf ihren Panzer. Der heißt hier interessanterweise „Haus“, wie bei Schnecken, und ständig kommen Stockwerke hinzu. „Klementine war ein lebender Wolkenkratzer geworden.“

20180213_124747

Klementine macht das richtig lange mit, bis sie sich befreit: Erst nur für kleine Ausflüge, dann richtig.

20180213_125120

Artur, der verlassene, bleibt einfältig.

20180213_125103

Noch Jahre später nennt er Klementine undankbar, weil sie ihre Reichtümer nicht zu schätzen wusste.

„Wenn dir eine Schildkröte ohne Haus begegnet, dann ruf: ‚Klementine, Klementine…‘ Wenn sie antwortet, kannst du sicher sein, daß sie es ist.“ So endet das Buch, was ich wirklich tragisch finde. Der Panzer ist für die Schildkröte doch überlebenswichtig. Klementine hat kein Zuhause mehr und auch keinen Schutz! Allerdings verdeutlicht der Panzer als Haus mit 25 Stockwerken ja auch die gesamte Last der Sesshaftigkeit und des Besitzes… Auch dieses Buch ist also ganz schön mehrdeutig und bestens dazu geeignet, in der #Anschlusskommunikation solche Fragen mit Kindern zu erörtern. Klementine jedenfalls ist frei und kann Flöte spielen und malen, ohne den begriffsstutzigen Artur.

Weil wir hier grade würklich, würklich viel mit Autonomie zu tun haben, fällt mir eins besonders auf: Klementine will die Kunst selber machen. Selber! Dafür bleibt sie echt ruhig (im Vergleich zu einer gewissen Anderthalbjährigen.). Auf lovelybooks steht, Artur könne zwischen Tun und Besitzen nicht unterscheiden. Ich würde eher sagen: Zwischen Produktion und Rezeption, aber egal. So nach dem Motto: Ach, du liest gern? Hier hast du was zu schreiben.

Oder eher andersrum: Du schreibst gern, na, hast du denn überhaupt schon mal was gelesen!? Und dabei fällt mir noch eine weitere Bedeutungsebene auf. Der Artur ist vielleicht gar nicht soooo doof, sondern hat vielleicht einfach ein anderes Kunstverständnis. Er müsste ihr nicht sagen, dass sie schief singt, aber zumindest seine ersten Mitbringsel könnten auch als Hausaufgaben oder (fiese bis subtile) Lektion in Bescheidenheit verstanden werden. Ich halte die Bilder der Patatina für große Kunst, weil sie selbstgemacht (!!!) sind, aber Artur wäre da bestimmt anderer Meinung…

Auch dieses Buch hätte eine Neuauflage verdient, oder?

 

Fun fact: Ist das hier die Saarschleife, oder was?20180213_124904

2 Gedanken zu “Artur und Klementine: Ehe mit Grammophon

  1. Die saarschleife, fand ich schon immer scheußlich, aber hier gibts wenigstens eine schöne Brücke. Ein interessanter Beitrag zur Frage „was ist kunst?“: selbstgemacht!

    Von meinem iPhone gesendet

    >

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s