„dalla parte delle bambine“ – Wo ist Adela Turin?

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Dass die Suche nach den Makaka-Affen so schwer war, hat mich wirklich überrascht und meinen Forscherinnengeist geweckt. Eins meiner liebsten Bilderbücher soll so unbekannt sein? Kennen nur wir 68er-Kinderladen-Kinder dieses fantastische Buch? Ich wäre nicht Literaturwissenschaftlerin geworden, wenn mich sowas nicht anfixen würde.

Dass es ausgerechnet von einer Italienerin stammt, war wirklichwirklich Zufall. Ich habe also angefangen zu recherchieren und zu sammeln, auf Italienisch, Deutsch und Französisch. In Frankreich ist Turin nämlich bekannter. Scheinbar sind auch die Rechte an ihren Werken aktuell bei einem französischen Verlag. Deshalb steht auch in italienischen Neuauflagen, es seien Adaptionen aus dem Französischen. Hä? Werden die etwa zurückübersetzt?

Adlea Turin hat in den 1970er Jahren einen eigenen Verlag gegründet, dalla parte delle bambine, wo sie ihre Kinderbücher publizierte. Angeblich die ersten Kinderbücher, die Genderstereotype und Rollenkonflikte thematisieren. Die sind übrigens fast alle im gleichen Jahr (1976) erschienen, das ist auch ein bisschen schräg. Entweder hatte da jemand so einen richtig ordentlichen Kreativitätsschub, oder sie haben mit der Verlagsgründung gewartet, bis sie mehrere Bücher fertig hatten.

Was der Verlag sonst noch gemacht hat, lässt sich nicht so einfach herausfinden, zumindest nicht im Netz. Die Google-Ergebnisse werden nämlich überlagert von einem anderen Werk, nachdem Turin den Verlag benannt hat: Dalla parte delle Bambine (1973) von Elena Gianini Belotti. Das ist ein soziologischer Essay, der den Einfluss der Genderstereotype auf die Erziehung beschreibt. Belotti scheint eine umfassende Beobachtungsstudie durchgeführt zu haben. Auch ihr Text findet sich im deutschsprachigen Netz nicht (vielleicht suche ich falsch), wird aber in Frankreich ausgiebig rezipiert. Es scheint sich jemand sogar schon halbwegs wissenschaftlich mit der Beziehung zwischen den beiden Frauen auseinandergesetzt zu haben. Allerdings stört mich das „militant“ in der Überschrift. Ich lese die Bücher gerade ja alle (wieder) und finde daran überhaupt nichts militant. Im Gegenteil, häufig gehen sie mir nicht weit genug oder sind mir zu plakativ.

Die deutschen Ausgaben sind in verschiedenen Verlagen erschienen: im Limmat Verlag in Zürich, bei Carlsen, im Alibaba Verlag in Frankfurt, im Verlag Frauenoffensive. (Alibaba und Frauenoffensive gibt es inzwischen nicht mehr.)

Thematisch sind die Geschichten alle sehr ähnlich. Vor allem die Verbindung von Freiheit und Kunst sticht ins Auge: Die Makaka/Bonobo-Frauen blühen kreativ auf, als sie sich befreien. Die Frauen des Maharadscha bringen diesen mit ihrer Kunst zu Fall. Die Schildkröte Klementine verlässt sogar ihren Panzer, weil sie malen und Flöte spielen will.

Kreatives Schöpfen ist also fast gleichbedeutend mit Emanzipation und Autonomie. Das finde ich sehr einleuchtend, aber ich habe auch ca. 10 Jahre lang Texte deutscher Romantiker auseinanderinterpretiert, da wird man irgendwann ein bisschen speziell. In „normal“: In Freiheit lässt es sich besser spielen. Erst die Befreiung aus der langweiligen, erschöpfenden, anstrengenden, ausbeutenden Beziehung (Ehe, Familie…) lässt die Frauen und Mädchen bei Adela Turin kreativ werden. Wobei es aber nicht um das Ergebnis geht! Keine der Frauen malt oder singt, um ein großes Kunstwerk zu schaffen. Es geht ums Spielen. Sie machen das, weil es Spaß mach. Weil es eine bessere Beschäftigung ist als Hausarbeit oder im Palast für geschiedene Ehefrauen rumsitzen. Oder Ehefrau sein. Kreativ sein heißt spielen. So ist Kunst = Autonomie.

Hier, was ich bisher gefunden habe:

Die wahre Geschichte der Makaka mit den Sonnenbrillen (Original 1976)

Marzipan rosa/ Rosaconfetto (Original 1976)

Die fünf Frauen des Jadavindra Koborboon (Original 1976)

Artur und Klementine: Ehe mit Grammophon (Original 1976)

Ciao Bambola (original 1978)

Asolina im Land der Riesen (1980)

Unterwegs hierher sind noch:

Storia dei Panini

Mai e poi mai!

Melaracconti

Mich würde wirklich interessieren, wer diese Bücher noch gelesen hat als Kind, ob sie wirklich so unbekannt sind. Warum werden sie auf Deutsch nicht mehr verlegt? Interessieren sich nur Spezialisten wie ich für so was? Ich kenne doch einige, die solche Bücher lesen würden mit ihren Kindern, oder?

Äußerst spannend finde ich auch, dass Turins Werke im französisch- und spanischsprachigen Raum viel bekannter zu sein scheinen als in ihrer Heimat oder im deutschsprachigen Raum. Woran liegt das? (Meiner ganz subjektiven Erfahrung nach spielt die Gendererziehung jetzt in Frankreich zum Beispiel keine übergeordnetere Rolle als im Westberlin der 80er).

Dann habe ich ziemlich viele Fragen zur Autorin. Wer steckt hinter diesen Geschichten? Lebt Adela Turin noch? Sie müsste jetzt 88 Jahre alt sein. Was denkt sie über ihre Bücher heute? Was hat sie eigentlich sonst gemacht? Von 10 Bilderbüchern wird sie nicht gelebt haben können. Auch die italienische Frauenbewegung interessiert mich brennend (ich höre gerade Elena Ferrantes Neapolitanische Saga Teil 3), wo ist die jetzt?

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