Bin ich klein? / Io sono piccola?

Philipp Winterberg/Nadja Wichmann, 5,95 Euro

Dieses Buch ist der Gigantomane unter den (bilingualen) Kinderbüchern: erhältlich in über hundert Sprachen und über 1000 Kombinationen. Auf der Website des Autors wird es als „Weltkinderbuch“ und „Bestseller in Selbstwertgefühl für Kinder“ beworben.

Philipp Winterberg macht alles richtig und ballert seit ein paar Jahren ein Ebook nach dem andern raus, das man dann für billig auch gedruckt kriegt. Der neueste Clou: Foto-Wimmelbücher (die sind echt hässlich und ich glaube, das könnte sogar ich). Im Selbstverlag ist das ganz einfach. Die Bücher sind dann leider nicht so schön. Ich weiß nicht, wie das bei kleinformatigen Taschenbüchern ist, aber bei Kinderbüchern ist es wirklich schade, dass die Bindung so schlecht und das Papier so dünn ist. Ich habe schon mehrere dieser auf Bestellung in Polen gedruckten Hefte gekauft und bin jedes Mal enttäuscht. Die Haptik ist einfach kacke.

Wie bei allen Bilderbüchern gibt es auch in diesem nicht so viel Text, das ist gut für die Übersetzungskosten und vermutlich einfach für die mehrsprachige Umsetzung. Denn im Gegensatz zu dem Wolf-Buch steht hier der Text in der Illustration. (Dass der italienische Text fett gedruckt ist und der deutsche nicht, interpretiere ich lieber nicht.)

Tamia, ein Mädchen mit einer Katze auf dem Kopf, fragt jeden, den sie trifft, nach ihrer Körpergröße, und lernt dadurch was über Größenrelationen. Am Ende versteht sie: „Ich hab’s! Ich bin alles [groß, klein, winzig, riesig etc.] und wenn ich alles bin, bin ich auch: genau richtig!“ Diese Schlussfolgerung finde ich ganz schön zackig, denn wie die Größe bewertet wird, ist vorher überhaupt nicht thematisiert worden. Und sprachlich ist es auch nicht schön. „Ich bin DAS alles“ oder „Ich bin alles gleichzeitig“ wäre besser. Nun gut. Aber das als Selbstwert-Buch zu verkaufen, darf man gewagt nennen und tut mir wirklich leid für alle, die damit das Selbstwertgefühl ihrer Kinder fördern wollen. Da empfehle ich doch lieber „Das Allerwichtigste“.

Den Illustrationen gebührt hier deutlich mehr Respekt als der Geschichte. Sie sind – jetzt erschreck ich vor mir selbst – sogar fast zu fantasievoll. Voilà das gelbe Würstemonster:

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Ein winziger Wal:

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Die Raupen sind auch ganz cool.

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Aber das Schönste an dem Buch versteckt sich hier:

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Da bleibt mein Blick an „Sophisten“ hängen, und dazu fällt mir dann ein: Homo mensura! Wer das nicht kennt: Die Sophisten waren eine Gruppe von Rhetorikern im antiken Griechenland, und ihr berühmtester Lehrsatz (von Protagoras, um genau zu sein) lautet: „Der Mensch ist das Maß aller Dinge, der Seienden, dass sie sind, der Nicht-Seienden, dass sie nicht sind.“ Das ist der Homo-Mensura-Satz, der übrigens gar nicht so einfach zu deuten ist. Welcher Mensch ist denn gemeint? Der einzelne? Oder der Mensch allgemein? Und was sind nicht-seiende Dinge?

Das gibt der Geschichte von Tamia ein bisschen mehr Gehalt, aber liefert jetzt auch wirklich Logikprobleme. Tamia „misst“ sich ja an ihrer Umgebung und auch überhaupt nicht an Menschen, geschweige denn an sich selbst, sondern am gelben Würstemonster. Soll das wiederum jetzt an Tamia gemessen werden? Dass das gelbe Würstemonster groß ist, weiß ich ja nur, weil ich es im Vergleich zu Tamia sehe. Naja. Da kann man jetzt eine Weile drüber nachdenken… (wenn einem dieser Hinweis im Buch überhaupt auffällt. Wird der auch übersetzt?) und kommt dann am Ende vielleicht drauf, dass das alles eine Sache der Relation ist. Groß und klein gibt’s immer nur im Vergleich. Was hat das jetzt mit Selbstwert zu tun?

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Fun Fact: Jetzt habe ich die Website des Autors zum Verlinken noch mal aufgerufen und jetzt steht da echt was anderes: „Bestseller Nr. 1 in Wunder und Geheimnisse für Kinder“. Hä? Und noch krasser ist „Egbert wird rot“ vom selben Autor, über 3000 Sprachkombinationen!

 

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