Das Schweinebuch… zum Abgewöhnen

Anthony Browne, Alibaba Verlag Frankfurt, leider nur noch antiquarisch erhältlich.

Original: Piggybook, Dragonflybooks, 7,49 Euro

Vor ein paar Wochen bin ich bei meinen Eltern auf Schatzsuche gegangen und habe auf dem Dachboden nach verschollenen Bilderbüchern gekramt. Ich habe sie meiner Mutter einzeln zum Entstauben runter gereicht. Das war trotz der rieselnden Glasfaserwolle eine sehr schöne Unternehmung, weil wir beide dabei ins Jauchzen und Schwärmen geraten sind. So viele schöne Bücher, so viele schöne Erinnerungen.

Dass ich mich gern an die Geschichten meiner Kindheit erinnere, ist ja irgendwie klar, aber dass sie ihr auch so viel bedeuten, finde ich schon außergewöhnlich gut. Jetzt, wo ich selber Mutter bin, bekomme ich langsam eine Ahnung davon, wie viel Zeit man mit Bilderbüchern so verbringen kann – da lohnt sich eine gute Auswahl schon.

Ein Buch, das sich mir besonders eingeprägt hat, weil wir es wohl oft gelesen haben, ist das Schweinebuch. Einige Details hatte ich noch ganz deutlich vor Augen.

Zur Geschichte: Familie Piggot lebt in „klassischer“ Rollenverteilung aka patriarchaler Ungerechtigkeit. Herr Piggot und seine beiden Söhne lassen sich bedienen, Frau Piggot macht die ganze Hausarbeit (obwohl sie auch einen Job hat). Sie sind dazu noch unverschämt zu ihr. Eines Tages hat Frau Piggot genug und geht. Sie hinterlässt einen Zettel mit der Nachricht: „Ihr seid Schweine“. Vater und Söhne müssen sich jetzt selbst um sich kümmern und verwahrlosen total. Sie können nicht kochen, abwaschen, aufräumen, einkaufen und so weiter. Als das Haus sich in einen echten Schweinestall verwandelt hat und die Piggots im Dreck nach Nahrung suchen, kommt Frau Piggot wieder. Mann und Söhne betteln um Hilfe und geloben Besserung. Das Ende bleibt doppeldeutig: Frau Piggot strahlt vor Freude, dann repariert sie das Auto, und ihre Familie hört, wie sie es anlässt. Ob sie wieder wegfährt oder in Zukunft auf mehr Freiheit besteht, wird nicht gesagt.

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Auf der Bildebene wird die Geschichte noch viel deutlicher. Die männlichen Piggots verwandeln sich nämlich tatsächlich in Schweine, und zwar schon bevor Frau Piggot sie verlässt. Und nicht nur sie, sondern auch ihre ganze Umgebung kriegt Schweinenasen. Das habe ich als Kind so geliebt, die ganzen Schweinenasen suchen. Es sind unzählige. Dinge mit Gesicht ist nichts gegen dieses Buch!

Die Illustrationen und ihr Wechselspiel mit dem Text sind unglaublich komplex. Zum Beispiel: Schon bevor Frau Piggot geht, fehlt auf einem Bild in der Wohnung die Frau.

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Die Darstellung von Frau Piggot ist auch bezeichnend: Zuerst ist sie vollkommen gesichtslos und wird auf mehreren kleinen Bildern gezeigt, wohingegen die Söhne und der Mann ganzseitige Illustrationen zugestanden bekommen.

(Sie beherrschen auch die Seiten!)  Als Frau Piggot zurückkehrt, wird dann zum ersten Mal ihr Gesicht gezeigt und sie überragt nicht nur die Männer, sondern ragt sogar aus dem Bild heraus. (Auch ihr Abschiedsbrief hatte schon den Rahmen gesprengt.)

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Manche Bilder haben Rahmen, manche nicht. Leider erkenne ich kein Muster (also so: Frau Piggot immer im Rahmen eingesperrt, die anderen immer frei). Solche Rahmen zeigen jedenfalls die Erzählperspektive: Ist der Blick Teil der erzählten Welt (intradiegetisch nennt man das) oder kucken wir von außen (extadiegetisch) auf die Handlung? Im nächsten Bild sieht man dann, was im Buch einzigartig ist, Frau Piggots Perspektive, ihren Blick auf die knienden Schweine. Sonst überwiegt der Blick von außen. Aber jetzt nehmen Leserin und Erzählerin Frau Piggots Blick ein, die ultimative Steigerung der Einfühlung.

Dieses Buch ist ein Kunstwerk, auf so vielen Ebenen. Ich habe diese ganz subjektive Liebe dazu, weil es so viele schöne Erinnerungen weckt, aber jetzt als erwachsene Literaturwissenschaftlerin sehe ich auch, warum meine Mutter es so gern gelesen hat. Es geht ja nicht nur um die ungerechte Rollenverteilung und die Ausbeutung der Mutter, um Emanzipation und Autonomie im Zusammenleben (was ja schon reichen würde!), sondern um die Beziehung zwischen Innen und Außen, um die Metaphorizität von Sprache und vor allem um ihre Wirkung: Ihr seid metaphorische Schweine, und wenn ihr so weitermacht, werdet ihr wirklich echte Schweine und wühlt im Dreck!

 

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Fun Fact: Das Schweinebuch fügt sich schon allein wegen des Titels gut in unsere Familie, bei uns spielen Schweine nämlich eine große Rolle. Es gab mal Urlaub im Schweinehaus (Schweinefarm nebenan, Toskana), meine Cousine hatte ein überdimensionales Kuscheltierschwein, Schweinebilder von Michael Sowa hingen in der Küche (das Suppenschwein, die Autobahnsau), fliegende Schweine im Bad, und mein Bruder träumt heute noch von einem kleinen Hausschweinchen. Oink oink. Jetzt interessiert mich natürlich, ob und wie sich mein Bruder an das Schweinebuch erinnert und ob es in meiner Familie diese ausgeprägte Liebe zu Schweinen trotz oder wegen dieses Buches gibt…

 

 

Ein Gedanke zu “Das Schweinebuch… zum Abgewöhnen

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