Vom Nutzen der Literatur: Mama’s Milk Is All Gone

Dieses Buch war die Rettung.

Nach dem letzten gescheiterten Abstillversuch wollte ich mit der Patatina ein Bilderbuch übers Stillen lesen. Damit nicht wieder so was Schräges passiert und meine Tochter denkt, „alle, alle“ hieße Brust. Sie liest ja zum Glück gerne, und ich brauchte etwas, womit wir unsere Situation von außen betrachten konnten. Ich wollte sie auf den nächsten Versuch vorbereiten und ihr die Möglichkeit geben, sich und mich mit Distanz zu betrachten. Und ich wollte auch vor mir selbst nicht so aussehen, als hätte ich (wieder) aufgegeben. Ich war wirklich ziemlich verzweifelt.

20180404_104038.jpg

Unsere Stillbeziehung war nie einfach. Geburtstrauma Kaiserschnitt, Schreibaby, zu wenig Gewichtszunahme, ein schmerzhafter Vasospasmus, Stillhütchen, ein Kinderarzt, der zum Zufüttern rät (am besten noch das Loch in der Flasche vergrößern), monatelanges Clusterfeeding, Stillpausen von maximal einer Stunde (erschwert im Winter das Rausgehen ungemein), Flaschenverweigerung, Schnullerverweigerung, nächtliches Dauernuckeln, Nahrungsverweigerung. Beißen (Clusterbeißen, Liebesbeißen, Anspannungsbeißen, Zahnungsbeißen). Mehrere gescheiterte Versuche abzustillen.

Als wir mit der Beikost angefangen haben, war ich noch total überzeugt vom Baby Led Weaning. Nach anderthalb Jahren als Nuckel (sie hat wirklich zuletzt „ciuccio“ zu meiner Brust gesagt) sehe ich das ein bisschen anders. In den letzten Wochen hat sich dann zum Glück das Nahrungsproblem von selbst erledigt und es wurde klar, dass es beim Stillen für die Patatina „nur“ noch um Nähe ging. Also um mich, um die Nähe zu mir. In der Woche vor dem Abstillwochenende habe ich also schon versucht, die Nachmittage stillfrei zu bekommen, mit dem Lampentrick. Lampe an: Stillen ok, Lampe aus: keine Brust. Damit war die Lampe verantwortlich, nicht ich. (Das lässt sich mit einer Zeitschaltuhr perfektionieren.)

Lampe aus: Tränen. Bittere, bittere Tränen.

20180404_104131.jpg

Und dann geht meine Tochter zu ihrem Bücherregal und holt das Alle-Alle-Buch. Wirklich wahr.

Wir haben tagsüber aufgehört zu stillen (Lampe aus). Als sie abends dann verstanden hat, was los ist (Lampe bleibt aus), und die Verzweiflung ausbrach, habe ich ihr von dem Baby im Alle-Alle-Buch erzählt. Und das hat SOFORT gewirkt. Echt beeindruckend! Sie hat es wirklich verstanden! Sie hat sich beruhigen und ins Bett bringen lassen.

Wir haben das Buch dann jeden Abend vorgeholt und zwei, drei Bilder besprochen: Siehst Du, als das Baby so groß ist wie du jetzt, ist die Milch alle alle, und da weint es ganz doll. Das Baby ist genau so traurig wie du jetzt. Und seine Mama tröstet es. Aber sieh mal, hier kriegt es was zu essen und was zu trinken, und hier lacht es schon wieder… und so weiter. Gestern Abend wollte ich es zum ersten Mal weglassen, aber da hat sie danach verlangt. Jetzt heißt es übrigens „Mama“-Buch und zum Einschlafen gibt es warme Milch.

20180404_104108.jpg

Die Illustrationen sind echt schräg und der Text ist auch ein bisschen Banane, aber das ist völlig egal. Das Buch erfüllt seinen Zweck. Englisch oder nicht ist auch völlig wurscht. Wichtig ist, dass man eine Frau sieht, die ihr Baby stillt. Das geht sogar ganz ohne Brustbilder. Und dann kommen ganz viele Seiten, die zeigen, was Mutter und Tochter sonst noch alles zusammen machen. (Das Werk wird bei Amazon mit Print on Demand vertrieben, deshalb musste es wahrscheinlich mindestens 24 Seiten haben. Wäre eine interessante Forschungsarbeit: Untersuchen, wie sich die Erzählstruktur von Bilderbüchern durch Self-Publishing-Vorgaben verändert.)

Ich rate wirklich jeder Frau, die ein größeres Kind abstillt, zu diesem oder einem ähnlichen Buch. Und zu Kohlwickeln. (Es gibt ein einziges deutsches Abstillbuch, Der kleine Milchvampir, das hat mir nicht gefallen, weil das Kind noch größer ist. Und schon auf dem Cover sieht man die Mutter mit dem Wäschekorb im Arm, naja.) Literature Led Weaning.

„Mama’s Milk Is All Gone“ habe ich einfach deshalb ausgewählt, weil die Alternativen „Milkies in the morning“ oder „Nursies when the sun shines“ hießen.

Was bin ich froh über dieses Buch! So musste ich nicht sagen, dass MEINE Milch alle alle ist oder die Brust und damit die Nähe verweigern, sondern konnte ihr mit der erzählerischen Distanz erklären, dass das nun mal so ist, wenn die Babys groß werden… dann sind alle Babys erstmal traurig, und die Mamas auch und so weiter. Beim Lesen oder Erzählen konnten wir uns nah sein, ich habe sie im Arm gehalten und mit ihr zusammen gelernt, die Trauer auszuhalten. Wir konnten mit dem Buch Abstand zu uns einnehmen, das war auch für mich wichtig. Und es war eine klasse Lektion darüber, welche Funktion das Erzählen in unserem Leben einnimmt. Und was ein Kind mit anderthalb schon alles verstehen kann, wow.

Wir gewöhnen uns an die Veränderung und schlafen manchmal sogar schon viel besser. Ich weiß noch nicht so richtig, was jetzt kommt. Wie soll ich sie in Zukunft beruhigen? Was machen wir, wenn sie krank wird und nichts isst? Gibt es darüber auch Bilderbücher?

Mama’s Milk Is All Gone, Ann P Vernon/ LeeAnn Gorman, PaddleBoatPress, 8,02 Euro

20180404_104152.jpg

Fun Fact:

Wenn ich dieses Buch geschrieben hätte, gäbe es am Ende eine Seite, auf der man sieht, wie Mutter und Tochter Mama’s Milk Is All Gone lesen. Wär schön, oder?

Ein Gedanke zu “Vom Nutzen der Literatur: Mama’s Milk Is All Gone

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s