Straight From Hell: Mami Fee & ich

Vielleicht muss ich vorausschicken, dass ich mit diesem Beitrag niemandem persönlich ans Bein pissen will, weder denen, die dieses Buch gut finden, noch denen, die es gemacht haben. Persönlich nicht, aber allgemein schon.

 

Weil ich dachte, ich müsste mal aus meiner Filterblase raus, und auch ausprobieren wollte, wie das mit Rezensionsexemplaren so läuft, habe ich bei Random House um dieses Buch gebeten. Schon vor einiger Zeit. Ich bereue es sehr.

Es war auf ein paar Kinderbuchblogs aufgetaucht und glitzerte so rosa… ich hatte schon erwartet, das Gegenteil von dem zu lesen, was ich gut und richtig finde, aber dass es dann SO schlimm wird… Mensch, Mensch, Mensch. Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll.

Kennt ihr diese Büchertische in den großen Buchhandlungen in der Kinderecke, die nach Farben sortiert sind? Die Jungsbücher schwarz und blau über Piraten und Ritter, die Mädchenbücher rosa, pink, lila, türkis mit Glitzer über Feen, Prinzessinnen und Pferde. Dazwischen oder daneben gibt es nichts. Was daran alles falsch ist, kann ich gar nicht aufzählen. Wer sich für das Thema interessiert, kann hier und hier nachlesen.

Sophie Kinsella ist eine Bestsellerautorin, ich kannte den Namen allerdings gar nicht und gehöre wohl auch nicht zur Zielgruppe. Die „Heldin“ ihrer Bestseller ist shoppingsüchtig. Das fügt sich nahtlos ein in das Frauenbild, das Mami Fee & ich zeichnet: straight from hell. Die Themen des Buches beschränken sich auf Haushalt, Kochen, Backen, Schönheit, Konkurrenz und Leistung.

Zum Vergleich: Zaubernde Jungs wie Harry retten die Welt. Küsschen!

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Kinsellas Feen-Welt ist ein Konglomerat aus der Familienkonstellation bei Bibi Blocksberg, den Disney-Feen und -Zaubereien in Cinderella, Dornröschen etc. aus den 50ern, Verliebt in eine Hexe (ab 1964) und der Bezaubernden Jeannie (ab 1965). Fast will man froh sein, dass Mami Hosen trägt.

Personencharakterisierung bei Ella, der Hauptfigur, geht so: „Lenka ist erst seit letztem Jahr in meiner Klasse. Ihre Mami ist superhübsch und kann superlecker polnische Pfannkuchen backen.“ (S. 41)

Ellas Mami muss ein paar Dinge tun, um sich in eine Fee zu verwandeln, unter anderem wackelt sie MIT DEM PO!!! WÜRKLICH! Das denk ich mir nicht aus! Sie wackelt mit dem Po! Das ist so beknackt sexistisch, dass ich hysterisch lachen musste, schon auf Seite eins.

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Die Handlung ist nicht nur doof, langweilig und sexistisch, sondern stellenweise auch einfach fehlerhaft und inkonsistent. Im ersten Kapitel „Reparaturibus! Reparaturzauber und Feenstaub“ werden Ella, ihre Familie und ihr Familienalltag vorgestellt. Die Mami Fee kann leider nicht soooo gut zaubern, ständig geht etwas schief. (Ella springt dann gerne ein und hilft, Mädchen sind ja hilfsbereit und fleißig.) Baby Ollie verschüttet die Milch, Papi: „Ich flitze schnell zum Supermarkt.“ (S. 19). Die ungeschickte Mami Fee versucht das Problem wegzuzaubern, aber es regnet Schokomilch. Papi: „Wir müssen sowieso noch ein paar Sachen einkaufen.“ (S. 24) Aber wer geht dann mit beiden Kindern in den Supermarkt? Die Mami. Von Papi keine Spur.

Ellas Mutter ist berufstätig, was überhaupt nicht zu Charakter und Handlung passen will. „Weil Mami Fee die Chefin in einem großen Büro ist, ist sie daran gewöhnt, dass alle immer gehorchen.“ (S. 53) Die schusselige, vergessliche, unordentliche Mami soll streng und autoritär sein? Wer glaubt das denn?

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In „Cupcake-ibus: Turbozauber für eine tolle Teeparty“ geht es um Ellas Konkurrenz zu ihrer Nachbarin Zoe, deren Mutter einen Preis für das perfekteste Haus gewinnt (S. 45). Ella hat Angst, dass Zoe sich über die Unordnung bei ihnen zuhause lustig machen könnte. Ihr kleiner Bruder sabotiert die Cupcake-Bäckerei und saut die ganze Küche ein. Dann geht auch noch der Putz-Zauber schief. „‚Mami Fee!‘, rief ich panisch. ‚Zoe kommt! Dann sieht sie dich! Dann sieht sie die ganze Unordnung!‘“ (S. 56) Oh nein!

„Also fingen wir mit Putzen und Aufräumen an. Das machte richtig viel Spaß (…).“ (S. 60) Immerhin stellen sie sich beim Putzen vor, sie wären Piraten, aber warum nur? Putzen Piraten so viel oder wie?

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„Nachdem ich mir die Haare gebürstet hatte, steckte ich mir den Pony mit einem funkelnden Feen-Haarreif zurück und stellte mir vor, es wäre meine Feen-Krone.“ (S. 62) Fee-Sein hat für Ella weniger mit Zaubern können als mit Krone tragen zu tun.

Das Kapitel „Gesundibus: Die Feengrippe und das fliegende Bett“ soll vordergründig eine Lektion in Geduld lehren. Mami Fee hat die Feengrippe und soll laut Omi Fee geduldig sein, im Bett bleiben und auf gar keinen Fall versuchen, sich gesund zu zaubern. Aber natürlich versucht sie das. Wäre ja auch blöd, oder? Wenn sie schon zaubern kann? Sie geht es auch sehr geschickt an und bekämpft die einzelnen Symptome, nicht die Krankheit insgesamt. Aber selbst denken ist nicht erwünscht.

Und dann kommt für genderbewusste Lesende am Ende noch ein echtes Schmankerl:„Dann schaute sie [Mami Fee] auf ihre muskelbepackten Gewichtheberarme. ‚Was meinst du? Soll ich die vielleicht behalten?‘, fragte sie. ‚Es ist bestimmt praktisch, so starke Arme zu haben.‘ ‚Nein‘, sagte Omi Fee. ‚Die Arme sind so dick, dass du dir lauter neue Kleider kaufen müsstest.‘“ (S. 86)

Wenn sie schon zaubern kann… könnte sie ja… neue Kleider… oder einfach weitere Ärmel… hm… Aber wenn die eigene Mutter ihr schon so in den Rücken fällt…

Die Leseprobe am Ende macht wirklich Lust auf Band 2: Ein Zauber („Zopfibus!“) geht schief. „‚Was?‘, japste Papi erschrocken, als er sich im Spiegel sah. ‚Was hast du nur gemacht? Ich seh ja aus wie ein kleines Mädchen!‘“ Hach, wie komisch! Kriegt er auch noch ein Rüschenkleid???

Es scheint fast so, als hätte Kinsella einfach ALLES, was ich an Kinderbüchern falsch finde, in dieses kleine Buch gepackt. Nach dieser Erfahrung steht fest: Ich bleibe in meiner Filterblase. Wenn ich es mir mit Random House jetzt verscherzt habe, auch OK. Meine Tochter wird dieses Buch nicht lesen. Und eure Kinder hoffentlich auch nicht.

(Übrigens steht sie jetzt schon drauf, ne. Es glitzert. Und das Papier fühlt sich super an. Jetzt, wo die Rezension fertig ist, kann sie auch gerne damit spielen, da freut sie sich sicher sehr.)

Ich halte solche Werke für Verbrechen, ganz ohne Übertreibung. Niemals sollte Gendermarketing den Bildungsauftrag der Literaturschaffenden so sehr überlagern, dass derart antiquierte, sexistische Erzählungen Einzug in Kinderzimmer erhalten und das Selbstbild von kleinen Mädchen gefährlich prägen. Im Ernst. Das ist sexisitische Kackscheiße. Dass es 2018 wirklich einen Verlag gibt, der so was druckt, eine Autorin, die so was schreibt, und vor allem: ein Lesepublikum, das so was kauft (!), macht mich traurig.

Wir brauchen mehr Bibliodiversität. Auch und gerade in der Kinderliteratur!

 

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Sophie Kinsella: Mami Fee & ich: Der große Cupcake-Zauber, cbj, 12 Euro, 6-9 Jahre

5 Gedanken zu “Straight From Hell: Mami Fee & ich

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