Der schlaue kleine Elefant / L’elefantino furbo

Auch dieses Buch habe ich als Rezensionsexemplar erhalten, aber wer jetzt den nächsten Rundumschlag erwartet, hat sich getäuscht. Für bilinguale Bücher gelten andere Regeln. Dazu gleich mehr.

Wenn dieses Buch einsprachig wäre, würde ich sagen: schwierig. Einer Elefantenherde ist langweilig und sie veranstaltet einen Rüsselknotenwettbewerb. Der leiseste Elefant mit dem kürzesten Rüssel kann nicht mitmachen, aber dafür zur Hilfe eilen, als den anderen auffällt, dass sie mit verknoteten Rüsseln nichts mehr machen können. Eine vermeintliche Schwäche stellt sich also als Stärke heraus. So weit, so gut.

Die Elefanten sind allesamt männlich (bzw. generalisierend geschlechtlos, wenn wir guten Willen unterstellen) und werden über ihre „Fähigkeiten“ charakterisiert: Der Größte, der Schnellste, der Lustigste und der Leiseste. Ihre Spiele sind immer Wettbewerbe. Der Leiseste, der ja nicht mitmachen kann, wird ausgelacht, als er es trotzdem versucht.

Das Buch kann sich nicht entscheiden, wie die Geschichte gerettet werden soll. Erst finden die Elefanten keinen Gewinner, weil sie keine Kriterien für den besten Knoten festgelegt hatten. Sie haben also „alle gewonnen!“ – bis auf den Leisesten. Der ist also eigentlich nicht ausgeschieden, sondern hat verloren, wenn man es genau nimmt. Als die anderen feststellen, dass sie ohne ihre Rüssel ziemlich aufgeschmissen sind, kommt der ausgeschlossene Elefant und hilft, ohne jede Häme oder Kritik, und als Dank küren sie ihn zum Gewinner des Rüsselknotenwettbewerbs. Was ja Quatsch ist, denn da hat er ja gar nicht mitgemacht.

„Und morgen denken sie sich bestimmt wieder ein neues Spiel aus.“ Wenn dieser letzte Satz ein wenig anders wäre (z. B. „ein besseres Spiel“), wäre ich vielleicht mit allem einverstanden. So wirkt allerdings die Handlung ein wenig holprig, auch in Kleinigkeiten: Am Vortag hatten sie „ausprobiert, wer am lautesten trompeten konnte.“ Aber es findet sich kein lautester Elefant, nur der Leiseste. Der Arme hat also gestern schon verloren, fies. Warum heißt er eigentlich „der schlaue kleine“ im Titel? Verwirrend. Die Kritik am Wettbewerbsdenken könnte besser herausgestellt werden. So ist sie vielleicht sogar nur mitgemeint. Und dass niemand sich nur durch eine Eigenschaft charakterisieren lässt, könnte am leisen UND schlauen UND kleinen UND traurigen Elefanten gut erklärt werden.

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Aber.

Für mehrsprachige Bücher gelten andere Regeln, einfach, weil es so wenig davon gibt. Ich weiß nicht, woran das liegt. Kaum jemand weiß überhaupt, dass es sie gibt. Deshalb ja dieser Blog hier. Und da ich mit dem letzten Beitrag überraschend viel Besuch auf dieser Seite hatte, erkläre ich nochmal für alle, die noch nie von mehrsprachigen Kinderbüchern gehört haben, warum sie gebraucht werden.

Mehrsprachigkeit ist inzwischen eher die Regel, Einsprachigkeit die Ausnahme.

Kinder, die mehrsprachig aufwachsen, erleben in den meisten Fällen, dass zwei (oder mehr) Sprachen auch zwei Welten bedeuten. Das ist ja sogar bei Dialektsprechenden schon so. Ich habe in der Pfalz studiert und da einige skurrile Situationen erlebt, wenn ich in informellen Situationen hochdeutsch eingefordert habe.

Jetzt gibt es Sprachkombinationen, die ein hohes Ansehen genießen, und solche, die eher abgewertet werden, was meistens mit Migrationsgründen und Bildungsgrad der Eltern und des Umfelds zu tun hat. Aber egal, was die Gründe dafür sind: Die Trennung der Erlebniswelten in die eine oder andere Sprache/Kultur kann ganz unterschiedliche Ausprägungen haben. Für manche Mehrsprachige ist es völlig normal, je nach Emotion die Sprache zu switchen, andere mixen sogar ganz selbstverständlich in einem Satz (meine Schwiegermutter: Italienisch und saarländisch). Und wieder andere bleiben in einer ihrer Sprachen Analphabeten. Wenn das die familiär besetzte Sprache ist, also die, die zuhause gesprochen wird, kann das wirklich fiese Folgen haben. Denn mit der Alphabetisierung lernen wir ja nicht nur Lesen und Schreiben als Technik, sondern auch über das, was wir lesen und schreiben: eine Art zu erzählen, nachzudenken, zu beschreiben, zu argumentieren, Wissen, Bewusstsein, Kultur und so weiter. Aber selbst wenn der mehrsprachige Spracherwerb total gleichberechtigt abläuft, was selten der Fall ist, kann allein die Trennung der Sprachwelten als problematisch empfunden werden. Dafür braucht es gar keine Extremfälle.

Und hier setzen die mehrsprachigen Bücher an, als Brücken zwischen den Sprachen. Sie können von allen Beteiligten vorgelesen werden. Es wird also nicht in Mama-, Papa-, Opa-, Oma- und Erzieherbücher unterschieden (die Erzieherin meiner Tochter stöhnt immer, wenn die Patatina ein fremdsprachiges Buch zum Büchertag mitbringt). Die Bücher können eingesetzt werden, um Schule/Kita und Zuhause zu verbinden, und sogar nebenbei Eltern sprachlich fördern.

Der Hueber-Verlag erklärt auf seiner Website ebenfalls, warum er zweisprachige Bücher verlegt: hier. Den zweisprachigen Bilderbüchern der Edition bi:libri liegen CDs bei, die das Hörverständnis unterstützen. Wir haben die allerdings noch nie benutzt (weil dann auch alle anderen Sprachen abgespielt werden, wenn man nicht aufpasst). Zu einigen Büchern gibt es auf der Verlagswebsite außerdem pädagogische Anregungen für Erzieher und Lehrerinnen.

Und genauso, wie jedes genderkorrekte Buch unterstützt und beworben werden sollte, sollte man auch für die mehrsprachigen werben. Weil sie bei einer so wichtigen Aufgabe helfen: der Aufhebung von Grenzen – sprachlichen, kulturellen, zwischenmenschlichen und inneren. Und je lukrativer es wird, sie zu verlegen, desto besser werden hoffentlich auch die Bücher. Dieses hier begeistert mich nicht besonders, aber es verschreckt mich auch nicht.

9783194295988

 

Der schlaue kleine Elefant / L’elefantino furbo, Katharina E. Volk, Antje Flad, Edition bi:libri, 17 Euro

Erhältlich in den Kombinationen deutsch-arabisch, deutsch-russisch, deutsch-italienisch, deutsch-spanisch, deutsch-französisch, deutsch-türkisch, deutsch-englisch

 

 

 

Fun Fact:

Kann mal jemand eine Bachelor-Arbeit über Elefanten in der KuJ schreiben?

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