Tilli-Tilli-Taff: Träume süß im Schlaf

Ein deutsch-russisches Wende-Liederbuch von Alina Goncharenko

Die Kritik am Rosaglitzerbuch hat vor ein paar Wochen hier für seeeehr viel mehr Besucher gesorgt, als jemals vorher da waren, und so erreichten mich auch mehrere interessante Mails von Autorinnen. Eine bedankte sich aus ganzem Herzen für meine Kritik, weil sie selber unter dem Gendermarketing leide. Und Alina Goncharenko fragte, ob ich ihr Buch rezensieren würde, ein deutsch-russisches Buch mit Schlafliedern. Klaro, denk ich, mach ich! Und: Das ist aber mutig, wenn man so einen Verriss liest!

Ja, und jetzt sitz ich da. Das Problem ist, dass ich die Hälfte des Buches nicht verstehe. Und mir auch nichts zusammenreimen kann, was bei anderen zweisprachigen Büchern immer möglich war. Ich kenne das so: Beide Sprachen auf einer Seite abgedruckt, damit man direkt vergleichen kann. Dieses Wendebuch aber muss man von vorne und hinten lesen, eine Hälfte hat deutschen Text, eine Hälfte russischen. Und da ich die kyrillische Schrift nicht lesen kann und auch die Illustrationen nicht gleich sind (manche ähnlich), hab ich ein Problem.

Das ist also schon mal ein ganz wichtiges Manko: Im Unterschied zu den meisten zweisprachigen Kinderbüchern dient dieses Buch NICHT dem Kontakt der Sprachen, sondern sie werden hier ziemlich rigide getrennt. Das ist auch auf der beiliegenden CD so, erst von Track 1-6 deutsch, dann 7-12 russisch. Es gibt keine Trackliste und das erste Lied, „Unsere Katze“, fehlt! Nachdem ich das einmal erkannt hatte, konnte ich mich auf der CD und im Buch zurechtfinden.

Das gesamte Werk, also Text, musikalische Umsetzung und Illustration, wirkt auf mich sehr opulent. Das kann einerseits Geschmackssache sein und andererseits was Kulturelles, was ich wieder spannend finde. Die Illustrationen zum Beispiel finde ich wirklich überladen und pompös. Aber dem Kater (Murr!) auf dem Thron, den Pusteblumen, der Einrichtung der Zimmer, dem altmodischen Spielzeug, dem Sternenfunkeln und Leuchten der Fenster im Dunkeln, den Schlafmützen und Schaukelpferden kann ich was abgewinnen, das erinnert mich an die Märchen von E.T.A. Hoffmann (Das sieht vielleicht aus wie Tee, ist aber bestimmt Punsch! Und ist der Hund nicht in Wahrheit der Archivarius? Wer wohnt dahinten im Lebkuchenhaus?).

Die behauchten Stimmen, getragenen Melodien und Klimperklänge dagegen… naja. Ich kenne mich mit der Musiktechnik nicht besonders gut aus, höre aber, dass da stark nachbearbeitet wurde (Heißt das nicht Hall? Auf der Stimme?).

Im ersten Lied geht es um das Leben mit einer Katze, im zweiten kommt das Träumelinchen, die slawische Sandmann-Version, das dritte heißt „Nachtlichter“, das vierte und fünfte sind Schlaflieder für Söhnchen und Töchterlein, Nummer 6 handelt wieder vom Träumelinchen und Nummer 7 ist ein Einschlafreim.

Da ich die russische Variante der Texte nicht verstehe und nicht lesen kann, kann ich nur darüber spekulieren, ob es sich um Übersetzungen handelt oder nicht. Ich weiß nicht, ob die Autorin in beiden Sprachen dichtet oder ihre Texte übersetzt oder übersetzen lässt. Leider sind die deutschen Texte in Versfuß und Inhalt oft holprig und fehlerhaft (Druckfehler, Grammatikfehler), schon auf dem Cover ist z. B. ein Leerzeichen zu viel. Das ist schade, weil erkennbar sehr viel Arbeit in dieses Werk gesteckt worden ist und sehr viele Personen daran beteiligt waren.

Ich habe natürlich auch die Patatina das Buch lesen lassen und ihr die CD vorgespielt. Die Bilder findet sie äußerst interessant, und wenn sie das Träumelinchen auf dem Cover sieht, ruft sie „Mama!“ Ich finde nicht, dass da eine Ähnlichkeit besteht, aber OK. Die Autorin hatte mir noch geraten, ihr die Lieder zum Einschlafen vorzuspielen, aber sie kennt ja die Patatina nicht. Sobald die nämlich Musik hört, fängt sie an zu tanzen. Und der Eiertanz, den wir im Moment vor jedem Schlaf vollführen, reicht mir wirklich.

Bei uns kommt das Buch also nicht so gut an, aber wir sind ja auch nicht die Zielgruppe. Deutsch-russischen Familien, bei denen zum Einschlafen Musik gehört wird, gefällt es vielleicht sehr gut. Deshalb gebe ich es jetzt in der Kita herum und update die Rezension, wenn ich andere Meinungen gehört habe. Dabei finde ich vielleicht auch mehr darüber hinaus, inwiefern meine geschmackliche Abneigung kulturell bedingt ist, spannend.

Alina Goncharenko: Tilli-Tilli-Taff ­– Träume süß im Schlaf, Löwenzahn-Verlag, 20 Euro

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Fun Fact: Was ich allerdings noch erwähnen muss, weil es mich wirklich stört, ist der ebenso opulente und übertriebene Werbetext auf der Verlagswebsite. „Die individuellen und einzigartigen Wiegenlieder […] komponierte der berühmte ukrainische Komponist Gennady Fomin. Jedes einzelne versetzt die Kinder mit harmonischen Melodien in einen lieblichen Schlaf.“ Das ist echt fies. Wenn man so sehr beim Einschlafen kämpft wie wir im Moment, hört sich das an wie blanker Hohn. Und by the way: Wer ist dieser berühmte Komponist? Ich finde den nicht in diesem Internet.

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