Babys und Handys

(ekelhaft, dieser Plural mit y, aber ok, Duden)

Als ich mit meiner neugeborenen Tochter aus dem Krankenhaus nach Hause kam und wir massive Stillprobleme hatten, riet mir meine Hebamme unter anderem davon ab, während des Stillens mein Smartphone zu nutzen. Sie sagte nicht, warum, ich fragte nicht, und ich hielt mich auch nicht lange dran, weil das Smartphone schnell mein einziger Kontakt zur Außenwelt wurde. Und ich viele, viele, viele Stunden allein zuhause stillte.

Seitdem ist da diese Stimme, die mir sagt: Besser Handy weg. Je älter meine Tochter wird, desto schwieriger wird es aber, sie vom Handy und anderen Bildschirmen fernzuhalten (Muss ich das überhaupt? Vor ein paar Tagen habe ich sogar extra ein paar Videos für sie gemacht). In unserem Haushalt ist der Fernseher tagsüber aus, aber es gibt immer mal Computerbildschirme, die leuchten, und mein Mann und ich nutzen unsere Telefone ausgiebig für alles mögliche.

Und ich frage mich immer öfter, was daran so schlecht sein soll. Ich meine: Wenn die halbe Menschheit sich dieses Verhalten angewöhnt hat, kann es ja so schlecht nicht sein. Erst mal ist es doch ein Riesenfortschritt, dass ich alles mit einem Gerät machen kann: Wissen abfragen, fotografieren, Musik hören, den Weg suchen, kommunizieren. Warum soll ich meine Tochter davor schützen? Und weil ich Literaturwissenschaftlerin bin, habe ich immer im Hinterkopf:

Vor ca. 200 Jahren dachte man, Bücher seien schädlich.

(also vor allem Romane)

Kein Witz.

Man dachte wirklich, dass zu viel lesen krank macht. Goethes „Leiden des jungen Werther“ hat angeblich eine Selbstmordwelle ausgelöst, das war eins der wichtigsten Argumente der Lesegegner. Trotzdem können wir uns heute kaum noch vorstellen, dass Leseratten mal als krank oder gefährdet galten. Ganz im Gegenteil, viel zu lesen gilt heute sogar als vorbildlich. Sogar Kinder sollen möglichst gern und viel lesen! Noch bevor sie überhaupt Schrift entziffern können, sollen sie Bilderbücher lesen! Das Buch ist ein Statussymbol geworden.

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Das Buch oder das Lesen hat also innerhalb von 200-250 Jahren einen beachtlichen Imagewandel hingelegt.

Das ist für uns verunsicherte Eltern wichtig zu wissen, denn: Als der Werther erschien und die Lesewut-Debatte so richtig ausbrach, gab es zum ersten Mal so viele Bücher. Der Buchmarkt war explodiert.

Vorher las man meist ein Buch viele Male. Jetzt wurde es technisch möglich, schnell viele Bücher herzustellen und sie zu erschwinglichen Preisen zu verbreiten. Dadurch veränderte sich auch das Lesen als Technik: Statt dasselbe Buch immer und immer wieder zu lesen, konnte man jetzt ganz viele Bücher hintereinander weg lesen. Krimis. Liebesromane. Schauergeschichten – die Trivialliteratur war geboren. Vor allem Frauen galten als gefährdet, weil sie das neue Zielpublikum der Belletristik waren. Aber auch unter Wissenschaftlern war es völlig normal, den ganzen Tag zu lesen und sich darüber zu unterhalten, was man so las, Romane oder Essays, völlig egal. Man nannte das Symphilosophieren.

Die bürgerliche Gesellschaft erlebte also einen krassen Medienwandel, den man durchaus mit unserem derzeitigen vergleichen kann. Die Diskussion um Fernsehen, Ballerspiele und Smartphones in der Erziehung ähnelt der um die Lesewut von damals sehr, sogar die Argumente sind ähnlich. Bloß geht es bei uns um noch mehr und noch schnellere Wandel. Und die Angst, dass die Lesetechnik sich durch die Hypertextstruktur der Netztexte zum Schlechten wandeln könnte, erinnert an die Bedenken, die es damals gab.

Übrigens hatte „man“ auch solche Bedenken, als die Schriftlichkeit Einzug hielt in unsere Kultur. Welche Auswirkungen sie z.B. auf das Gedächtnis haben würde. Als es möglich wurde, lange Texte schriftlich zu fixieren und aufzubewahren, veränderte sich dann auch unsere Erzählkultur. Mittelalterliche und antike Erzählungen sind in Reimen verfasst, damit man sie sich besser merken konnte, weil sie ja vorgetragen und nicht gelesen wurden. (Damit beschäftigen sich heute sehr viele Literaturwissenschaftler*innen.)

Warum soll also die Veränderung, die wir heute erleben, schlecht sein? Mir scheint, dass es vielleicht gar nicht so dramatisch ist, wenn man den Kultur- und Fortschrittspessimismus weglässt.

Der einfachste Trick im Alltag heißt für mich: Ersetze Handy (oder Computer etc.) mit Buch. Damit kommt man ganz gut dahinter, was jeweils problematisch ist: Das Medium oder die Situation?

Hier ein kleines Beispiel. Bei den Recherchen zu diesem Text schrieb mir eine befreundete Psychologin: Kinder, deren Eltern auf dem Spielplatz ihr Smartphone nutzen, sind weniger selbstbewusst als die, deren Eltern das nicht tun, wegen des fehlenden Blickkontakts. Das habe eine Studie herausgefunden. Ich habe bewusst nicht recherchiert, welche. Ich hatte mich von der empirischen Wissenschaft erstmal blenden lassen und dachte: Ok, also nie wieder Handy auf dem Spielplatz. Dann aber habe ich die Prämissen hinterfragt, das sollte man bei empirischen Studien eh immer tun. Here we go:

Bücher lesen darf man natürlich auf dem Spielplatz, oder? Oder wenigstens Zeitschriften? Was doofes? Wenigstens InTouch? Gala? Wenn wir diesem Studienergebnis folgen, dürfen wir auch das nicht. Denn es ist nicht das Smartphone, das für das fehlende Selbstvertrauen sorgt, sondern die fehlende Aufmerksamkeit der Eltern.

Lesen geht also auch nicht – wenn man ein selbstbewusstes Kind haben will.

Das mit dem Selbstbewusstsein ist eine besonders fiese unterschwellige Prämisse, weil sie sich so gut versteckt. Ich will ja, dass mein Kind möglichst selbstbewusst ist. Natürlich will ich das. Zumindest so selbstbewusst wie die Kinder der nichtlesenden Eltern sollte es schon sein, ne. Oder besser: Es sollte auf keinen Fall weniger selbstbewusst sein als die! Aber auch wieder nicht zu viel, zu selbstbewusst ist auch nicht gut. (Was ist das überhaupt, selbstbewusst sein? Selbstbewusstsein? Sich seiner selbst bewusst sein? Anderes Thema, schwierig. Be-wusst. Wuss. Komisches Wort auch.)

Jetzt passiert es wahrscheinlich öfter, nicht nur auf dem Spielplatz, dass Eltern ins Smartphone gucken statt ins Buch. Schon allein deshalb, weil das Buch nicht piept und „lies mich“ sagt. Deshalb finde ich es im Alltag ganz praktikabel, mir vorzustellen, ich würde in ein Buch gucken statt in ein Handy. Beim Kochen lesen? Würde mir nicht einfallen. Aber noch mal schnell die Whatsapp-Nachricht checken nach dem Blick ins Rezept auf chefkoch.de? Klar.

Noch ein Beispiel: Kennt ihr die Fernsehserie Mad Men? Spielt in den 60er Jahren in den USA und ständig, wirklich ständig wird den Kindern da gesagt: „Go watch TV!“ Und nach dem Picknick wird der Müll auf der Wiese liegen gelassen. Macht heute auch niemand mehr.

Und damit sind wir auch beim wichtigsten Punkt jeder Medienerziehung angekommen: Die eigene Mediennutzung reflektieren. Ich sage bewusst nicht „überdenken“. Es geht dabei nicht um Verbote oder Dogmen. Reflektieren heißt: Warum mache ich das, was ich mache, eigentlich so und nicht anders? Könnte ich es anders machen? Wäre es dann besser oder schlechter? Vielleicht müssen wir Eltern so wie die Gesellschaft um 1800 mit den Büchern auch erst mal lernen, mit dem Überangebot an digitalen Medien in unserem Alltag klarzukommen. Es läuft schließlich auch (fast) niemand mit der Nase im Buch über die Straße. Das haben wir als Buchgesellschaft gelernt: Bücher gehören nicht in den Straßenverkehr.

Was ist es denn, was uns ein schlechtes Gewissen macht, wenn wir mit dem Smartphone vor dem Kind hantieren? Welche Schäden können Bildschirm-Medien bei Babys auslösen? Wie sieht eine vernünftige, förderliche, gesunde und praktikable Medienerziehung in der frühen Kindheit aus? Und wann fängt man damit an?

In den kommenden Wochen veröffentliche ich hier weitere Texte zum Thema. Darüber, was überhaupt ein Medium ist, welche Medien es überhaupt so gibt, welche Rollen sie in Familien spielen und welche Gefahren sie mit sich bringen, was davon Quatsch ist und worauf wir Baby- und Kleinkind-Eltern achten sollten.

 

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Fun Fact:

Eigentlich wollte ich aus diesem Text ein Buch machen. Medienratgeber gibt zwar es einige, aber da geht es überall ausschließlich um Kinder ab 3.

Da sich meine berufliche Situation gerade (hoffentlich) ändert, bald weniger Zeit zur Verfügung steht und ich mit den Recherchen eh nicht weitergekommen bin (Nähmaschine vs. Bibliothek 100:0), erweitere ich also jetzt den Blog um das Thema Literacy-/Medien-Erziehung. Ich habe eine kleine Umfrage gestartet unter Freunden mit Kindern und gemerkt, dass fast alle sich die gleichen Fragen stellen und mit den gleichen Problemen konfrontiert sind. Medien und Babys, wie geht das zusammen?

Den Fragebogen, den ich benutzt habe, stelle ich zuerst ein, der funktioniert ganz gut zur Selbstreflexion und zeigt eigentlich auch schon, mit welchen Vorurteilen und Ängsten wir welchen Medien begegnen. (Er ist natürlich kein statistisches Werkzeug, sondern nur Teil meiner Recherche.)

Ich freue mich über jede Idee zum Thema! Worüber ich zum Beispiel viel zu wenig weiß, ist die Entwicklung der Medienrezeption bei Kleinkindern. Also: Ab wann versteht ein Kind Fiktion (auf dem Bildschirm, im Spiel, in einer Geschichte?) oder wann sieht es welche Bilder wie? Und so weiter. Gehirnzeug halt.

Hier geht es um den Medienbegriff.

Hier stelle ich zwei Bilderbuch-Apps vor.

Hier geht es um gefährliche Bücher und hier ums Vorlesen und Bilderbücher.

4 Gedanken zu “Babys und Handys

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