Medien und Kommunikation

Was ist überhaupt ein Medium? Wenn wir uns fragen, welche Medien unser Kind benutzen sollte oder nicht, scheinen mit dem Begriff ja vor alle digitale Endgeräte gemeint zu sein und keine Papiere… Aber ist Sprache nicht auch ein Medium? Ich erinnere mich an eine Dozentin, die immer sagte: „Der Tisch ist ein Medium! Verstehen Sie nicht! Auch der Tisch ist ein Medium!!!“ Und die Spinner, die mit Toten sprechen, die nennen sich doch auch so? Und Musik? Was ist mit Musik?

Also noch mal ganz von vorne.

„Medium“ ist einer der schwammigsten Begriffe unserer Sprache, auch die Wissenschaft kann ihn nicht gut eingrenzen. Es ist ein Sammelbegriff für Kommunikationsmittel (-geräte, -techniken) und -konzepte. Also alles, was wir zum kommunizieren benutzen (inklusive Grimassen) und Konzepte davon. Oder: Ein Medium ist etwas, das vermittelt, ganz vereinfacht. Sagt ja auch das Wort schon, lat. medium = Mitte/Mittelpunkt.

Ein netter deutscher Romantiker hat es mal so gesagt: Ein Fernrohr, oder besser das Glas darin, dessen Form. Und die „Bestimmung des Gegenstandes durch die Farbe des Glases“, weil sich das, was wir uns durch ein Fernrohr ansehen, dadurch ja verändert, zumindest sein Aussehen bzw. Abbild. Klar? Bisschen kompliziert, gebe ich zu.

Vielleicht wird es hiermit einfacher: Alles, was der Mensch als Verlängerung seiner Sinnesorgane nutzt, ist ein Medium. Jetzt wird das mit dem Fernrohr klar, oder? Das Fernrohr vermittelt zwischen dem Stern und meinem Auge, macht den Stern größer, als er eigentlich ist. Eigentlich ein doofes Beispiel, weil das, was ich Stern nenne, ja auch nur soundsovieltausend Jahre altes Licht ist. Hmpf. Dann nehmen wir das Opernglas. Das vermittelt zwischen dem Opernsänger und meinem Auge, vergrößert den Sänger so sehr, dass ich vielleicht seine Nasenhaare sehen kann und mir auffällt, wie übertrieben diese Bühnenschminke ist.

Wenn es um die Vermittlung zwischen mindestens zwei Menschen geht, lassen wir alles, was mit Sender und Empfänger zu tun hat, am besten gleich außer Acht. Es heißt vermitteln, weil beide Seiten daran beteiligt sind, so einfach ist das. Wer zuhört und verstehen will, arbeitet genauso mit, wie die- oder derjenige, die spricht (oder gebärdet o.ä.). Und da sind wir beim allerallerallerwichtigsten Medium überhaupt, das wir unseren Kindern niemals vorenthalten würden: bei der Sprache. (Sprachwissenschaftler und Medientheoretiker dürfen jetzt auf die Barrikaden gehen, wenn sie nicht einverstanden sind. Alle anderen darüber nachdenken, was das für ein krasses Zusammenspiel von unterschiedlichsten Medien/Techniken ist, diese Sprache: Der Körper wird so benutzt, dass die Ausatemluft, die an den Stimmlippen vorbei durch Mund und/oder Nase strömt, Schallwellen produziert – Töne und Geräusche – die in einem komplexen Zeichensytsem mit Bedeutung versehen sind.)

Ebenso elementare Medien sind die Schrift (Lesen und Schreiben, WIE) und zum Beispiel die Erzählung (WAS). Ohne Erzählungen gibt es kein Zeitgefühl und keine Ich-Identität.

Von hier ist es ein ziemlich großer Schritt zu digitalen Medien, denn sie vereinen mehrere Techniken in einem Gerät (Lesen, Schreiben, Textkompetenzen…), es sind zum Beispiel beim Smartphone ja auch mehrere Sinne beteiligt (Tast-, Hör-, Sehsinn). Allerdings: Beim Buch auch. Der Unterschied ist die Interaktivität. Ich habe ein Buch entweder zum Lesen oder zum Schreiben oder ein Hörbuch (Ha! da steht „Buch“ ja für „WAS“!). Ausnahme: Wenn ich mir mit jemandem ein Notizbuch teile, in das wir uns Nachrichten schreiben (soll ein ganz tolles Instrument bei der Alltagsorganisation von getrennten Eltern sein, die nicht miteinander reden wollen, hab ich gelesen).

Aber beim letzten Denkschritt ist noch etwas anderes wichtig: Diese verruchten „neuen Medien“ sind ja nicht nur Kommunikationsmittel. Oder? Mit wem kommuniziere ich vor der Glotze? Wenn ich eine Serie auf Netflix gucke, ist das dann Kommunikation?

In einem ganz weit gefassten Verständnis von Kommunikation kann man sagen: Ja, das ist welche, im besten Fall ästhetische Kommunikation. Da gelten dann aber andere Regeln und so weiter (über die historische Distanz hinweg machen Autorin und Leserin ein ästhetisches Werk zur gemeinsamen Sache).

Deshalb würde ich uns hier mal begrenzen auf: Kommunikation ist es, wenn zwei oder mehrere Menschen sich (über ein Medium) miteinander unterhalten, wenn einer allein davor sitzt und glotzt, googelt oder daddelt, dann ist es keine. Nachrichten und Informationssendungen: Kommunikation, Whatsapp: Kommunikation, Bob der Baumeister: Unterhaltung.

Wir müssen die Medien also nicht nur nach ihrer Beschaffenheit, ihrem Material, den Techniken (WIE) unterscheiden, sondern auch nach ihrem Inhalt, nach dem, WAS sie vermitteln.

Bei der Frage danach, ab wann mein Kind fernsehen oder Playstation zocken oder auf dem Tablet malen darf, verschwimmen da die Grenzen oft. Zum Beispiel: Bei Videospielen denkt man zuerst an Ballerspiele (WAS), beim Fernsehen an die zu schnellen Bildwechsel (WIE), bei Mobiltelefonen an die Strahlung (WIE) und so weiter.

Um zu verdeutlichen, wie tief die Ängste sitzen und wie irrational sie tatsächlich sind, möchte ich nochmal den Vergleich mit dem Medium Buch heranziehen:

Niemand würde auf die Idee kommen, Bücher für Babys gefährlich zu finden. In meiner kleinen Umfrage haben sogar einige behauptet, sie hätten mit ihren Kindern von Anfang an Bücher gelesen. Dabei kann doch so ein Neugeborenes mit einem Buch noch gar nichts anfangen! Und zwar weder mit dem Gegenstand (WIE), weil es ihn noch nicht greifen oder gar durchblättern kann, noch mit der Geschichte darin (oder den Informationen, WAS), weil es dazu kognitiv noch nicht in der Lage ist.

Meine Tochter hat ihre ersten Stoffbücher mit 3 Monaten geschenkt bekommen. Aber die ersten Geschichten haben wir gelesen, als sie ca. ein Jahr alt war, glaube ich. Irgendwann im ersten Lebensjahr entsteht also vermutlich die kognitive Fähigkeit, Geschichten zu rezipieren (vermutlich mit dem Sprung der Reihenfolgen, das wäre logisch). Aber wie gesagt, damit kenne ich mich nicht gut genug aus, das wissen Psychologinnen besser.

Weshalb ich das erzähle: Es würde auch niemand auf die Idee kommen, seinem Baby Goethes Gesammelte Werke vorzusetzen und zu erwarten, dass es damit abgesehen von ansabbern und zerreißen etwas anfangen könnte. Bei den Büchern wählen wir immer altersgerecht aus und trennen ganz klar das WAS (Babybildergeschichte) vom WIE (Pappbuch).

Warum fällt uns das bei den anderen Medien so schwer?

2 Gedanken zu “Medien und Kommunikation

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