Die Pixi-Apps

Ich wollte schon lange eine Bilderbuch-App ausprobieren, aber OHNE die Patatina, weil – ich bin mir einfach noch nicht sicher, wie ich das finde.

Also habe ich im Google Play Store gesucht und das erst- naja, zweit- und drittbeste genommen. Ganz wichtig finde ich zu erwähnen, dass ich überhaupt nur Apps von großen Verlagen in Betracht gezogen habe. Ich hatte mir einmal eine Raupe-Nimmersatt-Sache runtergeladen, die unter „Kinderbuch“ firmierte, aber aus Schrottspielen bestand, die mit dem tollen Buch nicht viel zu tun haben außer optisch. Und dann hatte ich die Wahl zwischen irgendwas mit Fröschen und… Pixi bilingual (leider nur deutsch/englisch) und Pixi „Meine ersten Bücher“. Da hat natürlich der Titel entschieden. SO META!

Ich lade also die App runter und komme erstmal gar nicht klar, weil ich die Navigation nicht verstehe. Man muss zur Seite wischen, um auf die nächste Seite zu kommen (eigentlich logisch, wie in einem Ebook), und unten ist ein Menü eingeblendet, in dem man verschiedene Einstellungen anwählen kann: Vorlesen an/aus, Text ein-/ausblenden, Geräusche ein/aus, englisch/deutsch (natürlich nur bei den bilingualen). Und noch ein bisschen Schnickschnack (Aufnahmefunktion, Puzzle, Basteltipps). Ich Hirni dachte aber, die App wäre kaputt, weil nichts losging, wenn ich auf die Icons gedrückt habe. Als ich das dann einmal geblickt hatte, war es wirklich kinderleicht.

(Huch! Während ich das tippe, läuft auf einmal der englische Text vom Bauernhof-Pixi doppelt ab, zeitversetzt, von alleine.)

 

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Lesestart: Meine ersten Bücher (MEINE erste Bilderbuch-App! So meta! Es ist so meta!)

Simone Nettingsmeier/Miriam Cordes, Carlsen Verlag

In dieser App sind Teile der Bilder animiert, man kann zum Beispiel Bälle antippen, und die hüpfen dann. Ich stelle zuerst die Vorlesefunktion ab, weil sie mich schon beim zweiten Bild richtig krass nervt. Ich lese schneller. Die Stimme wirkt kindlich, das finde ich gut, aber als Sprechwissenschaftlerin bin ich da halt besonders kritisch und kann die Betonung so nicht ertragen. Für andere aber bestimmt total in Ordnung! Aber natürlich kann so eine App die Interaktion mit der Vorleserin/dem Vorleser nicht ersetzen (Anschlusskommunikation!). Ich schalte auch die Geräusche ab, weil sie mich vom Lesen ablenken.

Die Geschichte ist nämlich auch ziemlich komplex für mein aktuelles Bilderbuch-Niveau. Bei den Papier-Pixis gibt es ja unterschiedliche Altersstufen. Hier bei der App lautet die Empfehlung im Google Play Store ab 0 Jahren.

(Während ich das schreibe, läuft der Text vom Bücher-Pixi auf einmal von alleine ab, doppelt, zeitversetzt. Obwohl ich den Ton ausgestellt hatte! Ha! Irgendein Fehler in der App also.)

Die Altersangabe ist also schon mal Unsinn.

Zur Story: Auf 12 „Seiten“ (Folien? Bildern?) wird erzählt, welche Rolle Bücher im Leben von Mias Familie spielen: Der kleine Baby-Bruder bekommt beim Arzt ein Buch geschenkt, Mia macht mit der Kita einen Ausflug in die Bücherei und bekommt dort ein Buch über wilde Tiere geschenkt, und dann besuchen sie zwei Freunde (Leyla und Mehmet), die auch ein Buch dabei haben, eins über Ritter. Die drei Kinder spielen dann nach, was –

jetzt spielt der Text schon wieder ab, aber nur einfach –

also die Kinder spielen dann Ritter im Urwald, spielen also die Bücher „nach“. Dann lassen sie sich von Mias Vater vorlesen. (Jetzt hab ich mir kurz einen Kaffee gemacht und da geht der Text schon wieder los, doppelt. Immer, wenn mein Bildschirmschoner angeht, passiert das)

Wenn man bedenkt, wie eine solche App eingesetzt werden könnte, dann finde ich die Geschichte ein bisschen schräg. Sie dient ja dazu – oder kann dazu dienen – eine Vorlesesituation zu ersetzen. Weil grade niemand Zeit hat – oder weil vielleicht einfach niemand Lust hat. (Kann natürlich auch nützlich sein, wenn es Sprach- oder Sprechprobleme gibt in der Familie.) Und dann genau die Situation, die fehlt, in der Geschichte als glückliches Gemeinschaftserlebnis darzustellen, stößt mir übel auf. Weil ich mir ein armes, einsames Kind vorstelle, dem ein Tablet oder ein Handy in die Hand gedrückt wird, damit es beschäftigt ist. Das ist aber natürlich mein stereotyper Vorbehalt gegenüber dieser Technik, von dem ich noch nicht weiß, wie begründet er ist und ob ich ihn ablegen werde.

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Aber wenn mir als Erwachsener das ganze Getüdel schon zu viel ist, wie geht es dann wohl einem Kind (ab 0 Jahren)? Ich habe mehrfach versucht, die ganze Geschichte durchzuhalten, ich schaffe es nicht. Und: Diese Antipp-Funktion stell ich mir bei Kleinkindern auch ganz schwierig vor. Da kann mitten im Vorlesen rumgefummelt werden, dann bewegen sich Sachen im Bild und machen Geräusche. Und natürlich kann man dabei aus Versehen zur nächsten Seite wechseln, wo dann wieder der automatische Text losgeht. Hm. Also mich macht das Ding wahnsinnig, echt. Der Vorlesetext ist mir zu langsam und zu überbetont und der Rest lenkt mich ab.

 

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Ein Tag auf dem Bauernhof

Imke Rudel/Astrid Vohwinkel, Carlsen Verlag

Diese App ist bilingual deutsch/englisch, was bedeutet, dass man sie entweder auf deutsch oder englisch hören und lesen kann. Heißt auch: Zwei Kinderstimmen! Die finde ich beide niedlich, aber anstrengend, und mir fällt gleich auf, dass die englische viel, viel höher ist als die deutsche. Beide total überakzentuiert. Und da frage ich mich doch wirklich, warum sie für den vorgelesenen Text Kinder nehmen. Als würden Kinder Kindern vorlesen. Hä? Vermutlich, weil die Erzählstimmen Kinder sind. Aber wenn ich der Patatina was vorlese, was ein Kind erzählt, versteht sie es doch auch.

Die Geschichte besteht wieder aus 12 Bildern. Ani zeigt ihrer Freundin Lena den Bauerhof, auf dem sie lebt: Gänse, Hühner, Schweine, Ziegen, Himbeerernte, Kuh melken, auf dem Mähdrescher mitfahren und im Stroh übernachten, alles sehr idyllisch. Aber auch hier wird am Ende ein Buch gelesen, keine App.

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Wer die Navigation versteht, kann sich jede Seite erst in der einen, dann in der anderen Sprache anhören, das finde ich ganz gut. Der Aufwand, die App in mehr als 2 Sprachen zur Verfügung zu stellen, dürfte sich auch in Grenzen halten (schon wieder spielt was von alleine ab), also, los, Carlsen Verlag!

Ich kann mich immer noch nicht entscheiden, was ich von Bilderbuch-Apps halten soll. Das Vorlesen werden sie bei uns nicht ersetzen, und ergänzen erst mal auch nicht. Vielleicht irgendwann. Bisher waren wir aber auch noch nie in einer Situation, wo nur noch ein Bildschirm geholfen hat (10 Stunden auf der Autobahn eingeschneit Bob der Baumeister gucken, ist einer Freundin passiert). Allerdings waren wir schon in Situationen, wo nur noch Dudelspielzeug geholfen hat. Das ist ja quasi die Vorstufe. Also, wer weiß, vielleicht bin ich irgendwann dankbar für diese Apps. Im Moment jedenfalls noch nicht.

Das gesamte App-Sortiment von Carlsen kann man sich auf deren Website ansehen. Ich vermute ja, dass sie aus schon existierenden Pixi-Büchern Apps gemacht haben. Solche Medienwechsel bergen immer gewisse Probleme (wie das mit den Büchern), kennt man ja von Romanverfilmungen.

Und eins muss ich noch loswerden: Lieber als die Bauernhofsache hätte ich das Einschlaf-Pixi runtergeladen, aber das hätte mich 2 Euro gekostet. Die wollte ich nicht ausgeben, weil ich eins schon vorher wusste: Zum Einschalfen würde das hier nicht benutzt werden. Denn in meinen Recherchen zu den Mediengefahren gab es eine Information, die gesichert ist: Das Licht. Das doofe Bildschirmlicht macht wach. Auch Erwachsene sollten sich dem nicht am Abend aussetzen, wenn sie gut (ein)schlafen wollen, und Kinder am besten gar nicht, weil das vielleicht was im Gehirn macht. Also am Besten IMMER den Blaufilter anmachen, die meisten Handys haben den vorinstalliert inzwischen.

 

 

Fun Fact:

Ausgerechnet heute bringt die SZ zwei Artikel zum Thema:

„Die armen Kleinen“ von Mirjam Hauck, da werden Ratgeber besprochen, und

„Kinder, die auf Handys starren“ von Berit Uhlmann

Danke für den Hinweis, Mama!

 

Ein Gedanke zu “Die Pixi-Apps

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