Babys und Bücher I: Gefährliche Bücher und Bilder

Ich habe ja schon mal darüber geschrieben, dass niemand auf die Idee käme, sein Kind vor Büchern schützen zu müssen. In meiner kleinen privaten Umfrage wurde das ganz deutlich, da wurde zum Beispiel gesagt, Bücher könnten gute Freunde sein und ähnliches. Alle wünschen sich, dass ihr Kind gern liest. Das Buch wird in unserer Wahrnehmung ganz schön verklärt.

Das ist aus mehreren Gründen bemerkenswert. Denn es gibt sehr wohl Bücher, die wegen ihres Inhalts nicht in Kinder- oder Babyhände gehören, und physische Gefahren, die von Bücher(stapeln) ausgehen können. Aber bei Babys und Büchern denken wir automatisch an für Babys geeignete Bücher, und mit den anderen können sie ja eh noch nichts anfangen. Oder?

Weit gefehlt. Als meine Tochter den Stapel mit meinen wissenschaftlichen Veröffentlichungen erobert hat, mussten gleich drei Exemplare meiner Dissertation dran glauben. (Ich hätte natürlich einschreiten können, empfand aber so was wie Genugtuung dabei.) In ihrem ersten Lebensjahr hat sie nicht nur meine Bücher so behandelt, sondern auch ihre eigenen20180604_132231.jpg

 

Wenn sie das Buch sieht, zeigt sie immer auf die Ecke, die sie angenagt hat, und sagt „aua“.

Und je nachdem, wie groß und schwer so ein Buch ist, aus welchem Papier, mit welcher Tinte es bedruckt ist, kann auch ein Buch, was ein Baby noch gar nicht lesen kann, ungesund sein. Bei dem hier war ich mir nicht so sicher, weil auf den Seiten am Rand irgendein goldenes Metall ist und die Tinte ja auch schon echt alt, wer weiß, was da drin ist.

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Deshalb gibt es diese Stoffbücher. Wobei mir immer noch nicht klar ist, was ein Baby vom Stoffbuch hat, was es damit lernt, was der medienpädagogische Nutzen ist. Aber ok. Gibt’s eigentlich auch Stofffernseher? Stoffcomputer? Stoffsmartphones?

Auch historisch gesehen ist die fehlende Furcht vor Büchern interessant, weil wir so vieles einfach ausblenden, wenn wir an Babys und Bücher denken. Es gibt auf der ganzen Welt Bücher, die verboten oder tabuisiert werden oder wurden, darunter einige literarische Schwergewichte.

Die Diskussion, die vor zwei Jahren entbrannte, als eine kommentierte Ausgabe von Hitlers „Mein Kampf“ erschien, ist dafür ein gutes Beispiel. Ist es besser, dieses Buch zu verbieten und zu hoffen, dass es deshalb nicht gelesen wird, weil es großen Schaden anrichten könnte, oder sollte man es kennen, um es zu widerlegen? Ist es als kommentierte Ausgabe noch ein gefährliches Buch? Was macht ein Buch überhaupt gefährlich? Der Inhalt? Oder das, was Leser*innen damit machen?

In dem Zusammenhang ist es mir sehr wichtig, auf diesen tollen Artikel hinzuweisen, in dem es um die furchtbaren Auswirkungen eines Erziehungsbuches geht. Solche Bücher können auch gefährlich werden für Babys!!!

In der BRD gibt es eine Prüfstelle, die jugendgefährdende Medien indiziert. Auf deren Website gibt es auch eine lange Liste mit Links zur Medienerziehung. Übrigens gibt es keine verpflichtende Alterskennzeichnung für Printmedien. Was auf Büchern als Empfehlung draufsteht, ist freiwillig. Was gesetzlich als jugendgefährdend gilt, kann man dort auch nachlesen.

Da Kleinkinder keine Texte entziffern können, muss man sich in der Hinsicht keine Sorgen machen. Wer an Kinderbücher denkt, denkt an Bilderbücher. Dabei sind die keineswegs die einzigen, die Bilder enthalten. Gerade Zeitschriften und Tageszeitungen können viel Bildmaterial enthalten, das nicht für Kinder geeignet ist. Oder dieses Buch hier, das liegt bei meiner Gynäkologin im Wartezimmer. Neben dem Kinderspielzeug.

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Es enthält viele Fotografien, zum Beispiel von älteren Paaren beim Sex, mit Genitalansicht. Muss nicht unbedingt sein, dass meine Tochter sich das ansieht, aber ich finde es wahrscheinlich weniger schlimm als andere. (Je länger ich darüber nachdenke, desto weniger schlimm finde ich das. Aber ich bin auch mit „Peter, Ida und Minimum“ aufgewachsen, was andere total krass finden.)

Aber niemand käme auf die Idee, seinem Kind absichtlich hässliche oder Angst einflößende oder Ekel erregende Bilder zu präsentieren. Das muss man auch nicht ausführlich analysieren: Es gibt Bilder, die zeigt man seinem Kind nicht, und es gibt Bilder, die zeigt man Kindern gerne. Und viel „egal“ dazwischen. Solange sie sich nicht auf einer Lichtquelle bewegen, scheint niemand Fragen zur Bild-Erziehung von Kindern zu haben.

Dabei gibt es da ganz spannende Fragen: Woher weiß ein Kleinkind, dass es in den Fernsehnachrichten Tote sieht? Woran erkennt es Gewaltdarstellungen, wenn es selbst noch nie Gewalt erlebt hat? Dass die Leute in dem Schlauchboot nicht zum Spaß da drin sitzen?

Oder schon ganz am Anfang, wenn wir die ersten Bilderbücher betrachten: Wann und wie zum Beispiel versteht ein Kind den Unterschied zwischen Bild und Abbild? Und verstehen wir den überhaupt?

Ist das eine Pfeife?

MagrittePipe

Wie gemein ist es bitte, einem Kind beizubringen, das sei eine Pfeife!? Das ist doch nur das Bild einer Pfeife, oder? Aber bei Bilderbüchern geht das klar? Um dem Kind die Welt zu erklären?

Oder erklären wir vielleicht was anderes damit, wenn wir sprachlich so tun, als wäre das Bild das echte Ding? Den Unterschied zwischen Zeichen und Bezeichnetem vielleicht. Oder zwischen echt und ausgedacht. So ganz nebenbei, als wäre es das selbstverständlichste auf der Welt. Boa, das wird aufregend hier. Meta, meta, ick hör dir trappsen…

 

Fun Fact: Alle handelsüblichen Kinderbücher und andere Druckerzeugnisse sind (inzwischen) ungiftig!

3 Gedanken zu “Babys und Bücher I: Gefährliche Bücher und Bilder

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