Spracherwerb_21 Monate

Über den Spracherwerb der Patatina habe ich mich hier in der letzten Zeit wenig geäußert, obwohl das doch das eigentliche Thema dieses Blogs sein sollte: Bilinguale Kinderbücher, bilingualer Spracherwerb. Das liegt erstens daran, dass ich mich eher mit dem großen Ganzen, den Außenbezügen der Spracherwerbstheorien beschäftigt habe und mit der Literacy Erziehung. Und zweitens daran, dass es wirklich schwer wurde zu beschreiben, was hier grad so abgeht.

Bisher hatte ich ja vor allem Wortschatzlisten erstellt. Das wurde nach dem letzten Beitrag dazu (Mitte März, 18 Monate) wirklich schwierig, weil: Wortschatzexplosion. Zweiwortsätze. Laberlaberlaber.

20131013_151313

(Foto: ich, Mudam 2013, Künstler nicht notiert, Mist)

Jetzt ist sie 21 Monate alt und es hat sich richtig viel verändert. Auf der Wortschatzebene: Neben Substantiven und Verben (aufstehen!) kamen in den letzten Monaten Adverbien (hoch, runter, rauf, oben, unten) und Pronomen.

„Welches Buch willst du? “ – „DAS! Das, das, das.“

„Willst du die oder die Mütze?“ – „Die.“

Es kommen sogar manchmal schon Personalpronomen. „Du“ oder „tu“ hat sie vor ein paar Wochen mehrfach benutzt, das hat sich aber noch nicht durchgesetzt.

Und seit ein paar Tagen ruft sie ganz laut „ICH“, wenn sie etwas will. Es ist eher noch ein „is“, aber immerhin. Bisher gab es nur „i-a“ (ich auch) für Keks.

Es gibt ja Leute, die meinen, Pronomina würden Kinder verwirren, man solle also von sich in der dritten Person sprechen. Deren Kinder sagen dann aber nicht „ich“ mit 21 Monaten. Oder? Butzkamm und Butzkamm empfehlen es auch:

Butzkamm/Butzkamm S. 114

(Butzkamm, Wofgang und Jürgen. Wie Kinder sprechen lernen, 3. Aufl., Tübingen 2008, S. 114.)

Die Butzkamms behaupten allerdings auch (ebd. S. 15):

Butzkamm/Butzkamm S. 15

(Fun Fact: In diesen Spracherwerbsbüchern findet man herrliche Vornamen.)

Ich will mich da jetzt gar nicht weit aus dem Fenster lehnen und behaupten, das stimmte nicht, sondern nur festhalten, dass zumindest bei meiner Tochter der Gebrauch von „ich“ mit anderen sehr wichtigen sprachlichen Entwicklungen zeitlich zusammenfällt.

Als wir am Montag die U7 gemacht haben und ich nach Zweiwortsätzen gefragt wurde, war ich nämlich ein bisschen perplex. Die Patatina spricht Dreiwortsätze mit SPO-Struktur (Subjekt-Prädikat-Objekt).

Ihre Verbformen hören sich zwar für mich alle gleich an, aber das könnte daran liegen , dass es italienische sind. Wer weiß. Oder sie hat verstanden, dass zwischen Subjekt und Objekt ein Verb gehört und benutzt immer den gleichen Platzhalter.

Sie sagt also sowas wie:

Papa data robo (Papa ist zum Roboter gegangen).

Papa data ciao, papa abei (Papa hat ciao gesagt, jetzt ist er bei der Arbeit).

Soviel also zu dem weit verbreiteten Unsinn, dass bilinguale Kinder später sprächen als einsprachige. Ich kann natürlich nicht überprüfen, ob sie sprachlich noch fixer wäre, wenn sie nur eine Sprache lernen würde. So jedenfalls ist ihr Tempo völlig normal, eher zügig. Und zusätzlich lernt sie etwas ÜBER Sprachen, was einsprachige Kinder viel später lernen.

 

 

(Foto: ich, Mudam 2013, Künstlerin siehe unten)

Letzte Woche ist nämlich etwas wirklich Spannendes passiert. Ich habe einen Staubsaugerroboter geschenkt bekommen, ein Klasseteil, erleichtert das Barfußlaufen in der Küche ungemein. Die Patatina ist schwer beeindruckt, hat allerdings (noch) Angst vor ihm.

Am Abend des zweiten Tages mit Roboter sagte sie vorm Einschlafen zu meinem Mann: „papà robo, mama robota“ (Papa sagt „robot“, Mama sagt „Roboter“). Sie hat ein Synonym gelernt und sich zum ersten Mal klar metasprachlich geäußert. Bis dahin hat sie sich ja immer für eins der beiden Wörter entschieden.

Drei Tage später kam das erste Doppelwort: „bachaboot“.

Ich habe damals für die Magisterabschlussprüfung Sprechwissenschaft gelernt, dass bilinguale Kinder solche Komposita bilden, wenn sie anfangen, die Sprachen zu trennen.

In diesem Fall war der Lernweg für mich total klar: Bis zu dem Tag hießen alle Schiffe „bacha“ (barca), aber in der Kita gab es ein neues Buch über den Hafen, weshalb da auch von Booten und Schiffen die Rede war. Was macht also meine kluge Tochter? Hängt das deutsche Wort einfach hinten dran. Aber nur manchmal, sie weiß ja, dass ich „bacha“ verstehe.

Wirklich überrascht hat mich, dass sie VORHER geäußert hat, dass sie weiß, dass hier zwei Sprachen gesprochen werden. So nach dem Motto: Ich habs jetzt geblickt, ich mach das jetzt für euch.

Wieder ein, zwei Abende später hat sie in ihrem Einschlafbrabbelmonolog das erste Zungenspitzen-R gerollt. Bisher ersetzt sie das r in barca ja mit dem deutschen Ach-Laut, den sie im deutschen aber erst seit Kurzem richtig im Auslaut benutzt. Buch heißt jetzt nicht mehr „buuu“, sie sagt es komplett, und „auch“ kann sie auch, aber Kuchen ist noch „kuke“.

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Fun Fact:

Auch die Probleme des Spracherwerbs sollen hier mal genannt werden.

Ich so: „Patatina, was willst du essen?“

Sie so: „andon mina amei“ (Anton, Emilia, Alma)

Jedesmal.

Oder:

Wenn mein Mann „Aua“ sagt, ruft er „aia“. Und das birgt, entgegen meiner Erwartung, Probleme mit „ei machen“. Das ist ja eh eine doofe Formulierung, aber ich konnte sie einfach nicht vermeiden und in der Kita wird das sowieso benutzt. Warum steckt das so drinne? „Ei, ei, ei“ beim Streicheln und „aia“ beim Hauen sind sich jedenfalls sehr ähnlich. Wir haben echte Probleme mit Hau- und Kratzattacken in Kuschelmomenten, die damit zusammenhängen könnten. Oder auch nicht, wer weiß.

Was bin ich froh, dass zumindest der Unterschied zwischen Ei und Eis klar ist!

 

Many spoken words

Su-Mei Tse, Many Spoken Words, 2009, fotografiert im Mudam Luxembourg

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