Über Familie und Medien (oder Geld und Bildung)

In ganz Berlin hängen jetzt Plakate, auf denen man Eltern sieht, die ins Smartphone starren, statt sich mit ihrem Kind zu beschäftigen. „Heute schon mit Ihrem Kind gesprochen?“ steht über dem Bild, und alles ist so schlecht designed, dass man hofft, es wär sehr billig gewesen. (Glaub ich aber nicht, war bestimmt trotzdem teuer.)

 

Kampagne

Das Ganze soll eine „Informationskampagne“ der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie sein (übrigens meine neue Chefin, die Senatorin). Und zwar in Zusammenarbeit mit der Fachstelle für Suchtprävention. Und soll als Anregung verstanden werden, sich mit der eigenen Mediennutzung auseinanderzusetzen. Ja, was denn nun, Information? Oder Anregung?

Das Thema beschäftigt mich ja schon länger, und ich würde so gern mehr dazu lesen und schreiben, aber jetzt mit neuem Job alles nicht so einfach.

Es sollen also Plakate an Kita-Standorten hängen, in Bezirksämtern etc. und Postkarten ausliegen. Die „Informationen“, die die Informationskampagne bereithält, sind: Ein Postkartenmotiv, zwei Plakatmotive und „7 Tipps für den Alltag“ (zusammengefasst: Handy stumm- oder ausschalten in diversen Situationen), die auf die Rückseite der Postkarte gedruckt sind. Kann man alles hier ansehen.

Ich finde keine einzige Information in dieser Kampagne, sondern nur stereotype Vorwürfe, die äußerst fragwürdig sind und wohl auch ihre Wirkung verfehlen werden, da müsste man mal Rhetoriker*innen fragen oder Pädagog*innen, was die davon halten, Menschen mittels schlechtem Gewissen zu erziehen. Vielleicht bräuchte es statt solcher Kampagnen auch Medienbildung für Eltern? Aber das kostet halt auch wieder mehr, ne. Da ist der erhobene Zeigefinger schon billiger.

Und übrigens: Nur blonde Kinder auf den Fotos und überhaupt die ganze Familie weiß. Aber immerhin, voll progressiv, eine Punkermama. Hä? Wer soll denn mit dieser Kampagne eigentlich angesprochen werden? War kein Geld für mehr Models da? Oder war kein Geld dafür da, dass jemand überhaupt mal nachdenkt?

Denn ganz wichtige Informationen fehlen in dieser Informationskampagne: „Verschiedene Studien […] un-termauern [sic!] die Notwendigkeit eines reflektierten Umgangs mit digitalen Medien insbesondere in der frühen Kindheit.“ Welche denn? Und was bedeutet reflektiert? Dass ich diese Medien nicht nutze während der frühen Kindheit meines Kindes? Oder dass mein Kind damit in seiner frühen Kindheit keinen unreflektierten Umgang hat? (Kann mein Kind den schon reflektieren?) Oder dass ich mich bewusst dafür entscheide, mein Smartphone während des Stillens zu nutzen, obwohl jemand versucht mir einzureden, dass ich damit meinem Kind schade? Ich würde letzteres so nennen. Denn:

„Beispielsweise legen Ergebnisse der BLIKK-Medienstudie nahe, dass ein Zu-[sic!]sammenhang zwischen Fütter- und Einschlafstörung von Säuglingen bei zeitgleicher Nutzung elektronischer Medien der Mutter besteht.“ Steht so in der Pressemitteilung. Aber was sind jetzt elektronische Medien? Meinen die nicht eigentlich digitale Medien? Und was bedeutet „Medien der Mutter“? Dass mein Kind nicht einschlafen kann, wenn es meine Medien nutzt? Oder wenn ich sie nutze?

Die BLIKK-Studie ist eh ein ganz, ganz problematisches Ding, dazu kann man hier, hier und hier was lesen. Die „Ergebnisse“ hier. Die Studie ist von der Drogenbeauftragten der Bundesregierung zusammen mit einigen Medizinern „erstellt“ worden, es war kein*e einzige*r (Medien-)Pädagoge*in oder (Bildungs-)wissenschaftler*in dabei, was wohl auch an dem Fokus auf Suchtprävention liegt. Kommt immer drauf an, wie man die Frage stellt, ne.

Für so eine unausgereifte, schlecht durchgeführte und sinnlose Kampagne ohne Informationsgehalt hat die Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie also Geld.

Kann das jemand in Kitaplätze oder Personalkosten umrechnen, wie viel die Kampagne so gekostet hat? Hätte damit vielleicht jemand mal ausrechnen können, wieviel Stufen in der Tarifgruppe meine 8 Jahre universitärer Lehrerfahrung wert sind, damit ich nicht anderthalb Jahre auf mein richtiges Gehalt warten muss und wir uns in der Familie gleichberechtigt organisieren können? Oder könnte dafür jemand dem Schüler, der mir vorgestern ohne Frühstück, Stift und Papier oder Ankündigung in die Klasse gesetzt wurde, den Schulranzen besorgen? Oder eine/n Sonderpädagogin/en nach Berlin locken, weil sie/er hier so dringend gebraucht wird, dass Leute mit Literaturdoktor ihre/seine Stunden übernehmen müssen?

Einen reflektierten Umgang mit digitalen Medien erreicht man so wohl jedenfalls nicht. Da müsste man schon Leute ranlassen, die sich da auskennen. Mit der richtigen Wortwahl  zum Beispiel, oder dadurch, dass man Expert*innen beauftragt mit dem Design von Plakaten oder Studien. Oder auch Expert*innen zur digitalen Bildung befragt, die sind mit ein bisschen Medienkompetenz in diesem Internet schnell zu finden. Alles eine Frage der Bildung, ne, Recherchekompetenz, hieß früher Quellensuche/-kunde, kann man alles lernen. (Aber die Zuständigen in der Berliner Senatsverwaltung sind wahrscheinlich auch in Berlin zur Schule gegangen und hatten die ganze Zeit Vertretungsunterricht von immer wechselnden Lehrkräften, die an den Unis von unterbezahlten, unterbesetzten und schlecht ausgebildeten Lehrkräften schlecht ausgebildet wurden. Aber die Ausrede, dass ihre Eltern immer aufs Smartphone gestarrt hätten, statt mit ihnen zu sprechen, DIE haben sie nicht.)

Einen fantastischen Artikel zur digitalen Medienbildung in der Kita gibt es hier von Antje Bostelmann: „Es ist die Pflicht eines jeden Erwachsenen, die Lebensrealität der ihm anvertrauten Kinder bei den Erziehungs- und Bildungsbemühungen zu berücksichtigen. Deshalb ist es für Eltern und Pädagog/innen gleichermaßen wichtig, sich mit der digitalen Welt auseinander zu setzen und sich diese voller Mut und Zuversicht anzueignen. Denn nur so kann es uns gelingen, die Kinder in eine für uns alle heute noch fremde Zukunft hinein zu geleiten.“ Mit dieser Perspektive auf elterliche Mediennutzung kommen wir wahrscheinlich weiter. Und ob Eltern auf dem Spielplatz ein Buch lesen oder was auf dem Smartphone, ist ein völlig anderes Problem. 

Bostelmanns Tipps wären auch ganz leicht umzusetzen, wenn es Kita-Plätze und Erzieher*innen und überhaupt Geld im Bildungssektor gäbe, aber was rede ich eigentlich, dafür sind ja gar nicht die in der SenBJF zuständig, sondern wir, die Wähler*innen, wir haben die ja ins Amt gewählt, damit Sie uns ein schlechtes Gewissen für unsere Smartphone-Nutzung machen, während wir wegen fehlender Kita-Plätze auf den Spielplätzen dieser Stadt versauern, die in Müll und Scherben und Grillasche versinken, weil auch das dafür zuständige Amt nicht genügend Mitarbeiter*innen, also Geld, hat, um die Beschwerden und Gefahrenmeldungen zügig zu bearbeiten, sodass die Spielplätze lange gesperrt werden, wenn wir sie melden, und dann sitzen wir sommers wie winters allein in unseren Wohnungen und müssen NOCH MEHR in unsere Smartphones starren, statt mit den Kindern zu reden, aber dafür müssen wir dann wenigstens die doofen Plakate nicht mehr sehen. Die wir ja aber zum Glück draußen auch kaum wahrnehmen, wenn wir mal von den Bildschirmen hochgucken, weil sie so grottenschlecht sind.

Aber eigentlich geht es bei der ganze Kampagne ja um Aufmerksamkeit, die Eltern ihren Kindern schenken sollen, damit die zum Beispiel besser sprechen lernen. Könnte man ja auch so nennen.  Ich erlaube mir mal die Analogie zum Staat mit seinen Bürger*innen: Die brauchen auch mehr Zuwendung – Geld! – damit sie mehr (Medien-)Bildung erlangen, keine Plakate. Echt jetzt.

***************************************************************************

Nachtrag 10.9.:

Ich habe inzwischen einiges mehr über diese Kampagne herausgefunden. Und zwar ist sie ein (schlechter) Abklatsch einer besser durchgeführten Kampagne aus Mecklenburg-Vorpommern, die dort anscheinend seit 2016 läuft.

Ein alter Bekannter aus dem Saarland gab mir nämlich den Hinweis, in der Kita seiner Tochter hinge dasselbe Plakat mit den saarländischen Logos unten drauf. Google sei dank findet man sehr, sehr schnell die Quelle des Ganzen: Die Kampagne „Medien-Familie-Verantwortung“ aus Rostock.

Auf der Website des Medieninformationsportals MV finden sich sehr viele Informationen dazu, auch Pressemitteilungen, in denen z.B. aus einer norwegischen Studie zitiert wird und die sehr deutlich machen, worum es eigentlich geht: Sensibilisierung. Dass die Originalkampagne dies auch erreichen kann, liegt an ihrer offenen, fluiden Form. Die Plakatierung war nur der Beginn, es folgten weitere Aktionen, Präventionsangebote, Onlineberatung. Auf der Website werden zahlreiche Informationen zu verschiedenen Formen des exzessiven Mediengebrauchs geliefert (dazu gleich mehr) und, was mich am meisten überzeugt, die Kampagne integriert Feedback: „Auf der Webseite besteht auch die Möglichkeit ein Formular auszufüllen, um uns Anregungen und Kritiken für die Weiterentwicklung der Kampagne zu senden“, steht in der ersten Pressemitteilung. Denen darf man also offiziell sagen, dass sie eine verdammt engstirnige und suchtfokussierte Perspektive auf „die“ Medien haben. Die äußerst problematisch ist, dazu folgt ein Beitrag.

Das hat man sich in Berlin wohl nicht getraut. Oder es war kein Geld dafür da. Dabei wäre es doch ein leichtes, auf diese ältere Kampagne mit all Ihrem INFORMATIONSmaterial hinzuweisen!? Das ist wirklich sehr hilfreich. Ich habe bei der Lektüre der Suchtbilder nämlich festgestellt, dass ich an „Informationssammelsucht“ leide.

Ein Gedanke zu “Über Familie und Medien (oder Geld und Bildung)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s