Lesen und leben lernen mit Hypertexten

Zur Suchtprävention.

Ich leide an Informationssammelsucht, bestätigt mir die Website des Medieninformationsportals aus Mecklenburg-Vorpommern. Das hatte ich ja schon länger vermutet. Ich meine, dass mit mir etwas nicht stimmt, ist ja schon lange klar.

Ich kann nicht einfach Blumen auf meinem Balkon aussähen, sondern lese mich vorher tagelang ein, was denn da überhaupt wächst im Schatten, und wie man den Bienen damit helfen kann. Bevor ich zum Arzt gehe, recherchiere ich alle meine Symptome online, und zwar nicht in Foren. (So habe ich mir vor zwei Jahren selbst meine Schilddrüsenerkrankung diagnostiziert, der Arzt wollte eigentlich nicht testen, der fand nämlich normal, dass ich als junge Mutter müde war, und dann war aber auf einmal doch Hektik angesagt und hier testen und da Antikörper.) Ich kaufe auch nicht einfach einen Fahrradhelm für mein Kind oder einen Kinderwagen oder einen Autositz, sondern ich lese Testberichte und Rezensionen und alles, was mir sinnvoll erscheint. Wie man das halt so macht, wenn man Internet hat. Ich kann einschätzen, welchen Quellen ich vertraue, und nehme mir für größere Investitionen dann auch die Zeit zur Recherche. Wer schonmal mit einem 20-Kilo-Kinderwagen, der auch gebraucht 500 Euro kostet, inkl. 10-Kilo-Kind allein eine Ubahntreppe runtermusste, wird den praktischen Wert der Recherche kennen. Oder wenn mir eine doofe Kampagne der Berliner Senatsverwaltung bitter aufstößt, versuche ich, mehr darüber herauszufinden.

Wenn ich auf eine Frage keine Antwort finde, die mich zufrieden stellt, suche ich weiter. Dabei kann mal eine Dissertation entstehen oder ein Buchprojekt oder ein neues Hobby, manchmal auch gar nichts außer Wissen. Denn meistens lerne ich echt viel dabei. Obwohl ich gleichzeitig Social Media nutze und Bücher bestelle.

Bis gerade eben hielt ich das allerdings für eine besonders gute Eigenschaft, nicht für eine Sucht. Im Ernst, wenn ich mich irgendwo bewerbe, schreib ich immer „außerordentlicher Wissenshunger“ oder sowas.

Weit gefehlt!

Das ist Informations-Sammel-Sucht!

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(Postkarte: Nr. 90 308 Klaus Staeck, 2014, Die apokalyptischen Reiter, nach Albrecht Dürer)

„In Verbindung mit der Suche nach Informationen kann durch das Internet das Gefühl einer umfassenden und sinnvollen Beschäftigung erzeugt werden.“ Es ist also gar nicht sinnvoll, fragend durch die (Netz-) Welt zu gehen! Und ich hab mein Gefühl von „das will ich noch nachschlagen und hier kuck ich noch und das bedenk ich auch noch“ immer für den Recherche-Flow gehalten. Krass falsche Selbsteinschätzung! „Die im Menschen angelegte Neugier wird durch immer neue Angebote, Verweise und Links angeregt, so dass ein ‚Strudel‘ im virtuellen Informationsmeer entsteht.“

Das Internet halte einfach zu viele Informationen bereit und keinerlei Begrenzungs- oder Ordnungsmöglichkeit, wie sie Menschen mit Sammelleidenschaft oft bräuchten, und biete zudem keine Phasen der Entspannung wie das Briefmarkensammeln, wenn die Briefmarken alle sind.

„Derzeit werden Klienten mit dem Phänomen einer exzessiven Informationssammeltätigkeit eher selten in Beratungsstellen vorstellig.“ Das überrascht mich jetzt wenig. Vielleicht, weil man das gemenhin Lernen nennt und keiner von seiner Sucht weiß? Auweia. „In der Forschungsliteratur wird die Möglichkeit dieser Verhaltenssucht seit ca. 15 Jahren beschrieben.“ Ich will nicht darüber urteilen, bevor ich das nicht wirklich gelesen habe, bezweifle aber schon jetzt, dass da ein einziger Mensch dabei war, der sich mit Medien- und Lese- bzw. literarischer Kompetenz auskennt. Das alles wird jedenfalls im Rahmen einer Kampagne geäußert, die uns beibringen soll abzuschalten. Und unsere Kinder vor exzessivem Mediengebrauch schützen soll, den sie sich von uns abgucken könnten.

 

Mein Senf dazu:

„Das“ Internet (darf man das überhaupt im Singular benutzen?) bietet durch seine Hypertextstruktur die Möglichkeit, nicht-linear zu lesen und zu erzählen. Das gab es aber auch vor „dem“ Internet schon. Zwei Beispiele:

Erstens. Meine Lateinlehrerin hat immer, wenn sie selbst keine Lust auf Unterricht hatte, angefangen zu erzählen, Anekdote auf Anekdote, von Hölzchen auf Stöckchen, 45 Minuten lang, total assoziativ. Das war ganz unterhaltsam, aber wir haben vor allem deshalb zugehört, weil wir jedes Mal mit Spannung erwartet haben, ob und wie sie den Bogen zurückschafft. Hat sie jedes Mal hingekriegt, trotz Alkoholhirn.

Zweitens Meine Studenten habe ich immer gern mit dem Lexikonroman von Okopenko gequält, damit sie verstehen, was ein Hypertext ist. Da kann man nämlich nicht anklicken, sondern muss blättern. Wer mal ein Lexikon aufgeschlagen hat, weiß, wovon ich rede. Da kann man auch von Hölzchen auf Stöckchen kommen, wenn man diesen kleinen Pfeilen in den Artikeln folgt. Querverweise heißen die. Sowas kann man sogar in seine eigenen Word-Dateien einbauen, echt jetzt. Aber bei einem Roman ist das auf einmal ganz schrecklich. Warum? Weil man sich so schnell so krass verzweigt, dass man seine Finger nicht mehr nutzen kann, um die letzten Seiten festzuhalten, und weil Romane ERZÄHLliteratur sind, das heißt, darin gibt es eine Handlung, ein Vorne/Hinten/Anfang/Ende und kein Entweder/Oder.

Nachdem das in dem ersten Seminar, wo ich das ausprobiert hatte, zu großen Problemen geführt hatte, musste sich der nächste Kurs das Buch nicht mehr kaufen, gab es eh nur noch antiquarisch (ich habe dem Okopenko, glaub ich, den größten Absatz beschert, den er je hatte, mit meinen 60-Studierenden-Seminaren). Ich habe dann den kürzesten Weg durch die Geschichte zusammengestellt, das ging ganz schnell. Man sieht an einem kleinen Artikel aber schon, wo das Problem liegt:

Okopenko

Diese Textgattung erlaubt kein Erzählen.

Wenn diese Textgattung mit ihren unendlichen Querverweisen nämlich erzählt, kann sie nur ausufern. Weil es zu allem immer noch mehr zu wissen gibt. (Und gerade dann wird sie sehr realistisch, weil sie die Wirklichkeit in ihrer Unendlichkeit abbildet, aber das kann sie doch nie schaffen, sondern immer nur nah rankommen, trapps trapps…)

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Kleiner Exkurs: (Wer genug von der Klugscheißerei hat, darf runterscrollen zu den nächsten Sternchen) Eigentlich machen das aber ALLE literarischen Texte, das Verweisen. Nur eben ohne den Einschub, wie ich ihn hier jetzt gemacht habe, denn das stört ja den Lesefluss und Denkprozess ganz furchtbar, wir sind ja eigentlich grad mit einer anderen Information beschäftigt. Literarische Texte machen das PER ZITAT. Das nennt man dann INTERTEXTUALITÄT. Natürlich aber, ohne zu sagen „ich zitiere jetzt mal Goethe, Faust, Vers 2553“, sondern das steht dann einfach so in dem Text drinne. Obwohl das also nicht gesagt wird, dass das ein Zitat ist, nennt man das einen direkten Verweis.

Indirekt geht so zum Beispiel: Als ich so an meiner Diss schrieb, da war ich mit einer Textstelle beschäftigt, wo eine wichtige Figur das erste Mal auftaucht, und diese Figur erzählt irgendwas ganz superwichtiges und nebenbei erwähnt sie ein Erdbeben. Das fiel mir aber erst beim 20. Lesen auf. Warum eigentlich dieses Erdbeben jetzt. Was soll das da. Ich recherchiere also: Was gab es denn so in dem Dreh der Textproduktion für Erdbeben? Da kamen zwei in Frage, und eins war literarisch total wichtig, und wie sich dann schnell herausstellte, war der andere literarische Text, in dem es vorkam, dann total wichtig für den Rest meines Textes, und das hatte vor mir noch keiner gesehen, und ich hab tatsächlich Bedeutung offen gelegt. Bin ich ein bisschen stolz drauf.

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Das heißt also Intertextualität, und jetzt noch wichtiger: Das ist eins der wichtigsten Merkmale literarischer Texte. Es gibt keinen literarischen Text, der sich nicht irgendwie auf andere Texte bezieht. Die nennt man dann Prätexte. Und die haben ja auch wieder Prätexte. Und so weiter und so fort. Und wenn man dieses Konzept der Intertextualität nicht nur linear denkt, sondern auch in die Breite und nach obenuntenlinksrechts, mit direkten oder anklickbaren Verweisen in alle Richtungen, ist man bei der Hypertextualität. Ist doch klar, oder? Nur, dass man mit „Hypertext“ auch nicht-literarische Texte meinen kann, weil die Struktur so krass ist, dass man dafür einen Namen braucht. (Und natürlich sind auch viele nicht-literarische Texte intertextuell, aber diese Überlegung führt sehr, sehr weit weg von hier.)

 

Was muss muss man also machen, um mit hypertextuellen Texten umgehen zu lernen?

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Eigentlich nichts, außer lesen. Lesen, lesen, lesen.

Und zwar literarische Texte.

Und das muss man lernen.

Es gibt tatsächlich schon lange tolle Hypertext-Geschichten für Kinder. Mein Bruder, der Zweitgeborene, wollte immer nicht lesen, weil der Platz ja von der Streberschwester schon besetzt war und er auch eigentlich lieber spielen wollte. Der war dann nur mit diesen Mitmach-Geschichten zum Lesen zu bewegen, wo er selbst entscheiden konnte, wie die Geschichte weiter geht. Weiß ich genau, kann sich sonst keiner dran erinnern.

Bekannt sind die Bücher aus der Reihe „1000 Gefahren“. Fans nennen das Genre „Spielbuch“. Von den „3???“ gibt es solche Geschichten, von „5 Freunde“ auch, ein „Mumpelmonster“ habe ich gefunden, und wenn der Verlagswelt bekannter wäre, dass das Hypertexte sind und dass man sie als lehrreich für Medienkompetenz verkaufen kann, werden sie vielleicht auch bald so genannt. Kinderbuchhändler kennen sich bestimmt besser aus und finden schnell noch mehr.

Was ich daran so wichtig finde: Weil wir uns über die letzten Jahrhunderte unserer Kulturgeschichte so daran gewöhnt haben, meinen wir, erzählen bzw. lesen von Geschichten müsste linear ablaufen. Das trifft auf den Großteil der literarischen oder filmischen Erzählungen auch zu, aber auf viele eben auch nicht, denn vor allem in den letzten Jahrzehnten wurden diese Erzählmuster ganz stark aufgebrochen. Und wenn wir uns ansehen, wie wir mündlich erzählen, sieht die Sache schon ganz anders aus, und zwar, weil wir anders denken. Siehe Lateinlehrerin. Es blitzt doch ständig ein Gedanke an irgendwas auf, was jetzt eigentlich nicht hierhin gehört, eine Vernetzung, eine neue Verknüpfung oder Idee.

Um nicht der Informationssammelsucht zu unterliegen und internetsüchtig auf unserer Couch mit kommunikationsunfähigen Kindern vor dem Fernseher sprachlos zu vergammeln, während wir zombiemäßig ins Smartphone starren, müssen wir also nicht etwa „diese“ Medien verteufeln und verbannen, sondern das Bekannte aktivieren, um dem Neuen zu begegnen:

Textkompetenz erwerben und vermitteln, auch und gerade literarische. Am besten schon in der Kita. Und ganz viel

edgar

 

Fun Fact: Was ich allein bei der Recherche für diesen Text alles gefunden und gelernt habe, Wahnsinn. Kultur als Hypertext! Und bei „gefunden und gelernt“ fällt mir ein, was man außer dem Lesen noch braucht, um mit Hypertextinformationen umzugehen, aber das pack ich in einen anderen Artikel: Rhetorische Kompetenz aka inventio-dispositio-elocutio-memoria-actio. Danke, Frau Vidal!

Fun Fun Fact: Bitte, bitte, liebe*r Leser*in, sag mir, wieviele meiner Prätexte du findest und welche!

4 Gedanken zu “Lesen und leben lernen mit Hypertexten

  1. Damit kannst du dich doch auch an diese suchtpräventionsstelle wenden, wo die anti-Smartphone kampagne herkommt. Nee, besser nicht, die haben was wichtiges zu tun, ernst mal.

    Von meinem iPhone gesendet

    >

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  2. Ja, danke, Frau Vidal! Und dankeschön, Frau W. bzw P. für diese kluge Analyse!
    Warum sollte diese „Sucht“ schlimm sein? Warum schlimm, in Texten zu surfen? Schlimm, weil sie ein Springen zulassen, das der Arbeitsweise des Gehirns entspricht (Neurokonnektivität)? Was ist an „assoziativ“ böse? Dass die antike 5-aktige (nicht 5-sätzige, schön wärs 😉 ) Dramenstruktur so gar nicht mehr vorkäme? Weil Bluma Zeigarnik in den 1920ern rausgefunden hat, dass Unvollendetes besser im Gedächtnis haften bleibt, als Abgeschlossenes und daher nach Vollendung und Abschluss strebt, um vergessen werden zu dürfen (Zeigarnik-Effekt)?
    Es kommt doch auf den Kontext an! Und überlassen wir es doch dem Leser selbst, ob er im Lexikon oder Internet oder Reisekatalog („weitere Reisen nach xy finden Sie in der Rubrik „Singlereisen“) linear („schriftlich“) lesen möchte oder assoziativ den (oder auch nur manchen) Links folgen (was quasi ein „mündliches“ Lesen wäre).
    Vorausgesetzt, er ist ein mündiger Leser, der als Kind Impulskontrolle gelernt hat und daher auch Hypertexte linear lesen könnte, ohne direkt den Einschüben / Verknüpfungen (Fußnoten / Links) zu folgen und nach antiker Katharsis im 5. Akt zu lechzen. Und darum wird das Hypern vermutlich kritisiert, weil gefürchtet wird, Kinder bekämen nur noch unlineare Texte zu Gesicht und lernten das dann nicht mehr. Was sicher auch berechtigt ist.

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