Bücher zum zweiten Geburtstag

So ist das in einer Familie aus Buchmenschen: Als mein Bruder endlich lesen konnte, gab es zum Geburtstag nur noch Bücher statt Spielzeug. Da war er mächtig enttäuscht und wollte gar nicht mehr lesen.

Bei der Patatina ist das zum Glück (noch?) anders, sie hat alle ihre Päckchen mit dem Freudenschrei „Buuuuch“ aufgerissen und wusste erst gar nicht, was sie mit dem Stoffgemüse anfangen sollte. Aber sie ist ja auch erst 2 geworden.

Zum zweiten Geburtstag gab es für sie viele gute Absichten und pädagogisch ausgewählte Literatur:

2

„So ein Kack! Das Kinderbuch von eben dem“ von Pernilla Stalfelt, Moritz, 2005.

„Alle sehen eine Katze“ von Brendan Wenzel, NordSüd, 2018.

„Das Farbenmonster“ von Anna Llenas, Christophorus, 2015.

„Mein schönstes Wimmelbuch“ von Ali Mitgutsch, Ravensburger, 2015.

„Gute Nacht, Gorilla“ von Peggy Rathmann, Moritz, 2006.

„Wieso weshalb warum: Wenn es dunkel wird“ von Constanza Droop, Ravensburger, 2009.

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„So ein Kack!“ war das einzige Kinderbuch über „eben dies“, was ich mit mittelmäßiger Recherche auftreiben konnte. Es ist nicht wirklich altersgerecht, aber mir ging es vor allem darum, ihr Verständnis des Verdauungs- und Ausscheidungsvorgangs zu erweitern. Interesse für Kaka und Popo dagegen ist nämlich äußerst altersgerecht, da kann man von Freud halten, was man will.

Wir sehen uns manchmal das Einhorn-Kack-Video an, was sie liebt, und den Maulwurf mit der Kacke auf dem Kopf hat sie schon. Was Explizites über den Weg der Nahrung durch den Körper habe ich nur fürs Kamishibai finden können. Für mich bietet „So ein Kack“ viel zu viel Fäkalhumor, aber ich kann mir vorstellen, dass es bei z.B. 6-Jährigen richtig gut ankommt und man mit denen dann auch prima Anschlusskommunikation für ein unverkrampftes, normales Verhältnis zum eigenen Körper und dessen Produkten üben kann.

 

 

„Alle sehen eine Katze“ habe ich gekauft, weil ich es auf mehreren Kinderbuchblogs schon gesehen hatte, als es mir bei Boesner in der Buchabteilung begegnete. Es gefällt der Patatina auch sehr, sie wollte es direkt mit zum Büchertag nehmen. Die Katze wird aus unterschiedlichen Perspektiven gezeigt, Kind, Hund, Fuchs, Fisch, Maus, Biene, Vogel, Floh und so weiter, und das ist es ja, was die Patatina wohl im nächsten Jahr lernen wird: andere Perspektiven einnehmen, Empathie entwickeln. Man unterscheidet dabei zwischen visueller, kognitiver und emotionaler Perspektivenübernahme. Die Katze erblickt sich natürlich auch selbst, und das ist ein Meilenstein der Entwicklung. Sich wirklich in jemanden hineindenken können Kinder erst gegen Ende des vierten Lebensjahres. Es ein weiter Weg von der Selbsterkenntnis zur Welterkenntnis, den man schön mit Bilderbüchern begleiten kann.

 

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Dazu gehört auch, Gefühle zu erklären. Neben dem Katzenbuch lag bei Boesner „Das Farbenmonster“ aus, das hatte ich schon in Italien in einem dieser äußert unordentlichen Buchläden mit dazugehörigem Merchandise mal in der Hand. Es ist ein Pop-Up-Buch, was ich wundervoll finde, was es aber auch in den Händen einer Zweijährigen seeeeeehr verletzlich werden lässt. Die Gefühle (Freude, Traurigkeit, Wut, Angst und Gelassenheit) werden farblich dargestellt, benannt und: sortiert! Das fällt ja auch Erwachsenen mitunter schwer.

Ich möchte das Buch vor allem einsetzen, um ihr bei diesen heftigen Gefühlswallungen beizustehen, die sie im Moment täglich mehrfach überrollen. Zum Beispiel schon im Voraus, wenn sie denkt, ich würde gleich etwas tun, was sie anders machen möchte, oder wenn wie immer keine Schokolade da ist oder wenn sie nicht mit der Schere spielen darf oder den Topf nicht anfassen oder wenn das falsche Buch gelesen wird oder gar kein Buch oder wenn sie die Milch nicht rumspucken darf, um zu gucken, wie sich das anfühlt, oder wenn sich der Käse im Mund seltsam anfühlt oder sie nachts um 3 nicht mehr wie ein Baby durch die Wohnung getragen wird. Das muss man ja auch alles erstmal verdauen, und ich will mich daran erinnern, ihr nicht nur die Wut zu erklären. Ich glaube nämlich, dass das ein bisschen eine self-fulfilling prophecy wird, wenn ich nur beim Wutanfall spiegele „ja, jetzt bist du richtig wütend/traurig“ und den Rest nicht.

 

Die nächsten beiden Bücher hat die liebe Oma ihr geschenkt:

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Wimmelbücher von Ali Mitgutsch sind im Moment ja in aller Munde, und er wird als der Erfinder der Gattung gefeiert. Finde ich auch super. Ich finde Wimmelbücher generell super, weil ich sie selbst gerne lese [sic!] und auch im Unterricht benutze.

Aber.

Die Bilder sind halt auch schon etwas älter.

Einige hängen bei unserer Kinderärztin aus. Und mit der habe ich mich sogar auch  schon darüber unterhalten, wie veraltet zum Beispiel die Geschlechter- und Familiendarstellungen teilweise sind. Im Winter verbringe ich da ja relativ viel Zeit. In dem einen Behandlungsraum hängt dieses Bild, und wenn wir da genau hinsehen, was die Frauen und Männer da so TUN, dann wollen wir das unseren Kleinkindern eigentlich nicht mehr zeigen, weil es inzwischen modernere, sensiblere, emazipiertere Wimmelbücher gibt. In „Mein schönstes Wimmelbuch“ ist das Setting schon ziemlich sehr deutsch. Wenn ich mir die Lebenswelt meiner Tochter ansehe, gibt es relativ wenig Berührungspunkte mit der Wimmelwelt von Ali Mitgutsch. An der Tankstelle wird sogar ein Gerät benutzt, das nicht mal ich kenne. Nichts für Ungut, Ali, als historisches Werk unschlagbar. Und Mama, trotzdem danke, wir lesen es als das, was es ist: ein Buch von früher.

Wenn ich jemals die Zeit dafür habe, mache ich hier noch eine Rubrik mit historischer Literatur auf und gebe meinen Senf dazu, wie ich als vorlesende Literaturwissenschaftsmama mit solchen Problemen umgehe.

 

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Den Gorilla hatte ich selbst mehrfach in der Hand, Einschlafbücher brauchen wir immer. Meine Mutter hat danach ausgesucht, welche Bilder die Patatina ansprechen könnten. Die meisten Bilderbücher sind ja tatsächlich noch viel zu komplex. Das Gorilla-Buch unterstützt herrlich das Verständnis von Erzählreihenfolge (und dann und dann und dann und dann) und Blickführung (hell, dunkel, rein, raus). Und Witz. Aber: Zoo. Käfige, Schlüssel, eingesperrt sein. Ich gehe aus sentimentalen Gründen gern in den Zoo, aber eigentlich finde ich es falsch. Ich verstehe auch nicht, warum ein Kind, das in einer europäischen Hauptstadt aufwächst, mit Geschichten über Elefanten, Giraffen und Löwen überschüttet wird. Das wäre immer noch eine wissenschaftliche Untersuchung wert. Immerhin befreit sich der schlaue Gorilla, sogar ZWEIMAL! Ha!

 

 

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Und dann gab es sogar noch ein Geschenk von der Kita, und was soll ich sagen, ich liebe unsere Kita: Die Erzieherinnen wissen um unsere nächtlichen Probleme und schenken der Patatina ein Buch über das, was in der Nacht passiert, wenn die Kinder schlafen. Super. Gestern hat sie durchgeschlafen, wirklich, echt, so richtig! Bis morgens um sieben! (Aber ich war ab 3 wach und hab überlegt, ob ich checken soll, ob was nicht stimmt.)

 

 

Fun Fact/Danke:

Es gab noch mehr Bücher geschenkt, die ich nicht erwähnt habe, aber die auch gut ankommen, danke an alle!

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