Kamishibai

Sachbücher über Verdauung für Kleinkinder gibt es keine, weshalb ich das Bildkartenset, das mir auf Amazon vorgeschlagen wurde, sofort gekauft habe. Mir ging es ja um die Bilder und den Erzählvorgang, das geht ja auch mit Karten. Aber dann kamen hier A3-Karten an. Ich Knalltüte hätte mal die Produktbeschreibung lesen sollen, mach ich nie, aber dann wäre mir entgangen, was ich dann entdeckt habe.

Die Karten sind für ein Kamishibai gedacht. Nie gehört.

Was sich dahinter verbirgt, ist grandios. Das Kamishibai ist eine Art Wechselbilderrahmen mit Flügeltüren oder ein Papptheaterfernseher oder ein analoger Bildschirm. Auf Pinterest habe ich eine Pinnwand erstellt, da könnt ihr euch ansehen, wie das aussieht.

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(Foto: Aki Sato)

Es kommt aus Japan, wo es auf eine fast tausendjährige Tradition zurückblicken kann. Bildgestütztes Erzählen, ich weiß nicht, wo das in der europäischen Kultur zum ersten Mal auftaucht, wahrscheinlich aber im Buch, und nicht zur Veranschaulichung mündlicher Erzählungen. Oder? Muss ich mal recherchieren.

Dieses Kamishibai jedenfalls ist in Japan unglaublich populär, hier aber wenig bekannt. Dabei gibt es ziemlich viel Material beim Don-Bosco-Verlag (leider kam keine Reaktion auf meine Rezensionsanfrage) oder bei Beltz. Die Holztheater sind leider relativ teuer, um die 70 Euro, aber es gibt viele Bauanleitungen online.

Da ich ja neuerdings in der Grundschule arbeite, habe ich bei den Kolleginnen nachgefragt, ob sie es kennen, und zwei Tage später hatte ich ein eingestaubtes Kamishibai vom Dachboden in der Hand. Das liegt jetzt bei meinem Vater zum Nachbau, und ich kann es gar nicht erwarten, damit loszulegen.

Wir haben eine japanische Gastschülerin, deren Augen leuchten, wenn ich „Kamishibai“ sage. Ihre Mutter erzählte mir, dass sie zuhause in Japan einen Erzähler im Park haben, dem sie regelmäßig zuhören. Ich stell mir das so ein bisschen vor wie eine Mischung aus Speaker’s Corner und Stummfilmkino.

Was macht denn nun genau mit einem Kamishibai und warum ist es medienpädagogisch so großartig?

Man zeigt Bildkarten und erzählt dazu eine Geschichte. Oder man hält einen Vortrag und zeigt dazu Bildkarten. Die Kartensets, die ich besitze, haben eine Beilage, auf der die Geschichte steht, die erzählt werden soll. Die Don-Bosco-Karten haben eine Extra-Karte mit Text, zu den Beltz-Karten gibt es ein Booklet, in dem auch Einsatzmöglichkeiten erläutert werden. Und übrigens auch Basics des Erzählkompetenzerwerbs.

Es gibt hier ein Video, in dem man ganz toll sehen kann, was die Erzählsituation mit Kamishibai vom Bilderbuchvorlesen unterscheidet: Es gibt einen Bühnenraum, ein Publikum, ein*e Erzähler*in. Das heißt, die vierte Wand wird „eingebaut“. Da ist nix mehr mit antatschen und „wo ist der Vogel, wo ist die Maus“, sondern es gibt Grenzen zwischen Erzählen und Erzähltem, zwischen Fiktion und Wirklichkeit. Aber es muss nicht so groß werden wie hier, das Publikum kann auch aus drei Kindern bestehen. Oder aus nur einem, haben wir probiert, klappt, und es geht schon mit ganz Kleinen.

Durch diese Grenze wird das Verständnis von Fiktionalität gefördert: Das, was auf der Bühne/dem Bild-Schirm stattfindet, ist nicht real, und das Sprechen der Erzählstimme ist uneigentliches (literarisches, poetisches) Sprechen.

Oder: Es wird ein Thema wie Verdauung dargestellt, dann braucht man nicht unbedingt eine fiktionale Geschichte, sondern kann die Karten zur Visualisierung benutzen und Kinder so mit Präsentationssituationen vertraut machen.

Ab dem Grundschulalter können Kinder spätestens das Kamishibai auch SELBST benutzen und nicht mehr „nur“ rezipieren. Und dann sind die Verwendungsmöglichkeiten so vielfältig, dass mir die Ohren schlackern: Erzählen/Präsentieren üben (mit vorgegebenem Text oder ohne), eigene Geschichten vorstellen, Bilder zu Geschichten malen (entsprechend der Erzählstruktur) oder andersrum, Kamishibai selber basteln, und für die ganz Fortgeschrittenen: Theater machen für alle oder Erzählperspektiven veranschaulichen.

Das Genettesche Modell mit Stimme/Modus/Zeit ist ja auch für Studierende schwer zu verstehen, und zu Recht haben sich bei mir häufig Grundschullehramtsstudentinnen beschwert, sie könnten das ja so niemals benutzen.

Wenn ich da schon ein Kamishibai gehabt hätte! DA sieht man ja sofort, WER SPRICHT UND WER SIEHT! Juchuuuuuu!

Für Kinder, die mit Bildschirmwelten aufwachsen, sind Kamishibai auf jeden Fall ein Muss.

 

 

Fun Fact: Ich bin ja in dieser Querber-Ausbildung und muss Seminare belegen, mach ich in den Herbstferien im Block. Montag 9 Uhr gehts los mit „Theater im Unterricht: Kamishibai“. Geil!

 

Foto von Aki Sato: License on Flickr (2011-01-27): CC-BY-SA-2.0

 

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