Understanding Media: Früher war alles besser

Montags ist Spielzeugtag in der Kita, und was wollte mein Kind heute mitnehmen?

„Mamabuch“: Marshall McLuhans Magische Kanäle/Understanding Media.

Das brauchte sie auch gestern Abend schon zum Einschlafen. Es wurde ihr nicht in die Wiege gelegt, nein, sie hat es selbst aus dem Regal gezogen und nicht mehr losgelassen. Was das wohl mal werden soll…

Aber das war jetzt natürlich Zufall, ne, dass ich über „Früher war alles besser – Aufwachsen mit Medien“ schreiben will für diesen Blog Award, und meine Tochter zieht sich Understanding Media aus dem Regal, natürlich reiner Zufall.

Das Buch ist blau (aktuelle Lieblingsfarbe) und hat ein rotes Band (wie heißt das eigentlich korrekt, das Dingens?) als Lesezeichen drin. Außerdem einen schönen Aufkleber mit einer Bibliothekssignatur zum Dranrumknibbeln, weil ich es gebraucht gekauft habe. Ich musste nur kurz was nachschlagen, deshalb hätte ich es eigentlich lieber digital gehabt.

Dann kann man nämlich mit der Suchfunktion der Leseapp auf dem digitalen Endgerät gleich zu der Textstelle springen, die man sucht. Ist das nicht gut?! Kein Blättern mehr, keine Papierverschwendung, nicht in die Bibliothek rennen müssen, keine Kopierkarte besorgen und aufladen, sondern mit 3 Klicks gleich das Zitat finden, raus- und reinkopieren. Zackbumm. Weil es aber schwierig ist, in offiziellen Projektanträgen aus eBooks zu zitieren, brauchte ich dann doch eine Papierversion. Und ist ja auch nett, wenn eine Zweijährige dann nachher was zum Kuscheln hat.

Understanding Media ist DER Klassiker, in dem drinsteht: the medium is the message. Schon mal gehört, ne. Es steht aber noch viel mehr wichtiges drin.

„Die wichtigsten Faktoren des Einflusses von Medien auf bestehende Gesellschaftsformen sind Beschleunigung und Aufteilung. Heute ist die Beschleunigung total und macht so dem Raum als Hauptfaktor der sozialen Ordnung ein Ende.“ (S. 149) Das hat der Marshall 1964 geschrieben. (Waren virtuelle Räume da schon ein Thema?) Und auch dass das Buch jetzt, als ich nur kurz reingeguckt habe, um was Schlaues zu finden, genau da auf der Seite aufschlug, reiner Zufall. Echt jetzt! Kann ich selber kaum glauben.

Ich hab das für eine Projektskizze gebraucht, in der es um den Zusammenhang von Medium und Verbreitungsgeschwindigkeit ging. Weil das Medium ja bestimmt, wie schnell der Inhalt weitergereicht werden kann. Also zum Beispiel kann ich einem was sagen, und der erzählt es einem weiter, und der erzählt es einem anderen weiter, und der erzählt es wieder weiter und so weiter und so weiter, und das dauert dann ganz schön lange, bis es alle wissen. (Und damit Kinder verstehen, was dabei schiefgehen kann, spielen wir stille Post, super Spiel, Medienpädagogik helloooo!)

Oder ich schreibe einen Brief, der immer wieder abgeschrieben und weitergeschickt wird (so wie die Abschreiber im Mittelalter das mit Büchern gemacht haben), das dauert dann noch länger. Aber weil er auf Papier festgehalten wird, überdauert der Text länger und kann öfter gelesen und weniger verfälscht werden (nicht nur einmal gehört, wie in dem ersten Beispiel).

Und jemand könnte aus dem Brief einen Kettenbrief machen, der immer zehnmal kopiert wird und verschickt wird, dann geht es gleich viel schneller, bis alle den Inhalt kennen. Wenn ich einen Kopierer habe und eine Schreibmaschine, noch schneller. Oder Computer und copy&paste ins Internet… oder gleich auf dem Smartphone, dann kann ich eine Gruselfigur erfinden und Whatsapp benutzen, um Menschen auf der ganzen Welt zu erschrecken, auch kleine Kinder.

Meine Tochter wird diese Herleitung nicht brauchen, um die Beschleunigung zu verstehen. Diese Überlegungen sind nur für Menschen relevant, die OHNE digitale Medien aufgewachsen sind. WIR sind diejenigen, die mit der Geschwindigkeit ein Problem haben, nicht unsere Kinder. Unsere Digital-Native-Kinder kennen kein Tempo: Sie leben in der Gleichzeitigkeit. Fragt sich, ob sie die Langsamkeit des Analogen überhaupt kennen müssen, um in ihrer gleichzeitigen Welt klarzukommen. (Historizität, auch so ein Thema für sich.) Oder ob wir sie anders darauf vorbereiten sollten. Weil sich nämlich auch die Gesellschaftsform durch die mediale Beschleunigung verändert. Das sehen wir z.B. an diesen neuen Berufsformen wie „digital nomad“, Leute, die reisend arbeiten, oder auch an Phänomenen wie Fake News und ihrem politischen Einfluss.

Wenn mich jemand nach meiner Meinung fragen würde, würde ich vorschlagen: Media Literacy und Rhetorik für die frühe Kindheit systematisch einführen, also vielleicht Schuleintrittsalter um zwei Jahre absenken oder verpflichtende Kita-/Vorschulzeit einführen, früher Lesen und Schreiben lehren (tippen!), und mehr Geld für Bildung. Viel mehr. Viel, viel, viel mehr. Weil die Veränderung im Bildungssystem schnell gehen muss und weil die Kindheit, wie wir sie uns denken, durch die Übermacht der Bilder verschwindet.

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3 Minuten Medienerziehung: Tippen lernen am Smartphone. Tiere mag sie lieber als Buchstaben.

 

 

Fun Fact: Zufall = Gleichzeitigkeit. Ich musste noch ganz lang Romantik aka Duplizität des Seins studieren und sie auf französisch (duplicité heißt Zufall) erklären, um das zu verstehen. Aber wer mit Gleichzeitigkeit aufwächst, kennt vielleicht gar keinen Zufall! Oder alles wird Zufall?Was bedeutet das für die Wahrnehmung von Grund/Folge oder Ursache/Wirkung? Dazu gibt es bei Wolf Haas was Tolles, in Die Verteidigung der Missionarsstellung zeigt der, wie aus temporalen Konjuktionen kausale geworden sind. Und, Wahnsinn, es gibt ein neues Buch von Wolf Haas!

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