Kikeri – was? / Chicchiri – cosa?

Mehrsprachige Kinder haben ein größeres metasprachliches Wissen als einsprachige Kinder. Selbst wenn der bilinguale Spracherwerb manchmal vielleicht etwas langsamer läuft als der einsprachige, was bei uns übrigens nicht der Fall ist, ist dieses Wissen ÜBER Sprachen es auf jeden Fall wert, jede Form von Mehrsprachigkeit von Anfang an zu unterstützen. Es hilft dabei, andere Sprachen zu lernen und die eigenen Sprachen zu reflektieren: Warum heißt es eigentlich DER Mond, aber LA luna? Oder warum sagen wir „herrlich“ und „dämlich“?

Die Patatina hat genau in dem Moment angefangen, ihre Gedanken ÜBER ihre Mehrsprachigkeit zu äußern, als sie anfing, die Sprachen wirklich zu trennen. Das macht sie nämlich jetzt sehr konsequent. Sie nutzt nur Wörter aus der anderen Sprache, die ihr jeweils fehlen. (Bis auf zwei, drei Ausnahmen.) Wir spielen viele Sprachspiele neuerdings und lachen uns über unsere Erfindungen scheckig: Gestern haben wir aus Duplo drei Mipfe, einen Krawurz und ein Fralolo gebaut. Schön oder, wie deutsch und italienisch die sich anhören!? Aber „Mipf“ hat Papa und „Fralolo“ Mama gebaut, denkt da mal drüber nach.

Mipf
Mipf und Fralolo

 

„Kikeri – was?“ spricht das Meta-Sprachwissen an: Die Tiere in der Stadt wundern sich über den neuen Nachbarn, der da jeden Morgen pünktlich vom Balkon kikerikiet. Sie verstehen ihn nicht und überlegen, was das nun heißen könnte. Mit der Verständigungsproblematik – alle Tiere sprechen andere Sprachen – ist hier der Gegensatz „Stadt/Land“ verknüpft, denn in der Stadt sprechen alle Tiere die gleiche Sprache.

Was mir beim Vorlesen ein bisschen Probleme bereitet: Die Tiere werden ohne Artikel genannt. „Unten vor dem Haus an Entes Kiosk hatte Esel gerade einen Kakao bestellt.“ (S. 7) Meinen Mann verwirrt es auch sehr („Als gäb es nur eine Ente auf der Welt!“).

Weil die Artikel fehlen, denken erwachsene Leser wie wir darüber nach, ob es jetzt um besondere Enten oder allgemeine geht. Da das Italienische ebenfalls Artikel hat, fällt es dort genau so auf. (Ich frage mich, wie das in anderen Übersetzungen gemacht ist.) Die Aufmerksamkeit wird jedenfalls auf die Sprache gerichtet, das müsste auch unserer Tochter schon auffallen. Und so lernt sie jetzt schon, was ihre Mutter neulich im Grundschulunterricht noch falsch beigebracht hat: Namen haben keine Artikel.

Ein sprachreflexives, mehrsprachiges Buch über Mehrsprachigkeit – fantastisch! Wie nicht anders zu erwarten, wird „Kikeri – was?“ hier sehr gern gelesen. Allerdings aufmerksamer, wenn ich es vorlese! Ob die Aufmerksamkeitsspanne sprachabhängig ist? Dem deutschen Text folgt sie bis zum Ende, dem italienischen nicht lange. Oder sie mag einfach mein „Kikerikiiiiii“ lieber, ich mache das sehr gockelig.

Natürlich ist das Buch auch was für einsprachige Leser*innen, denen soll ja die Sprachreflexion nicht vorenthalten werden!

Kikeri - was?
Bildquelle: Edition bi:libri/Hueber Verlag

Lena Hesse: Kikeri – was? Chicchiri – cosa? Edition bi:libri, München 2018. Mit Hör-CD in 8 Sprachen; erhältlich in deutsch-italienisch/französisch/englisch/spanisch/russisch/türkisch/arabisch

 

Fun Fact:

Statt „guarda“ und „guck mal da“ sagt die Patatina einfach „gua!“ Sehr ökonomisch.

 

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