„Was steht da?“ Schriftspracherwerb mit 2 Jahren (26 Monaten)

Die Patatina erkennt jetzt 22 Buchstaben, einige Wörter und auch Zahlen. Vor allem die 7 hat es ihr angetan.

Wie ist das passiert?

Wer ihr die 7 beigebracht hat, ist allen ein Rätsel. Auf einmal zeigte sie auf Uhren und rief: „Sieben!“ Den Rest kann ich erklären.

Schon im letzten Herbst habe ich unserer Kinderärztin bei einer U-Untersuchung berichtet, dass sie sich für Schrift interessiert. Weil sie beim Betrachten von Bilderbüchern eben auch immer den Text erklärt haben wollte. Inzwischen fragt sie immer überall: „Was steht da?“ (Wa tet da?) Am Handy waren letzten Monat noch Tiere angesagt, aber schnell war das Interesse für Buchstaben größer. „Butaben!“, ruft sie, sobald ich das Smartphone in der Hand habe, weil sie auch tippen will. Ich tippe leider echt viel, weil mein stressgeplagtes Hirn sonst wichtige Fragen an Kollegen oder Babysitter vergisst und ich inzwischen für jede Kleinigkeit eine Erinnerung einstelle.

Und dann habe ich neulich etwas, das sie nicht hören sollte, für ihren Papa buchstabiert, das fand sie urkomisch und hat es gleich imitiert.

Weil ich ja sowieso den ganzen Grundschultag über mit Buchstaben und Anlauten beschäftigt bin, habe ich ihr vor zwei oder drei Wochen also mal das A gezeigt. Letzte Woche in der Kita am Kühlschrank das S, R, P, da hängen nämlich Magnete. Ich nenne sie immer als Anlaut von einem Namen, den sie kennt. Also P wie Papa, O wie Oma, M wie Mama, die Namen aller ihrer Kita-Freunde… Sie brüllt jetzt mit großer Begeisterung zum Beispiel „wie Papa!!!“, wenn sie irgendwo ein P entdeckt. Am liebsten mag sie natürlich ihren eigenen Namen, aber, jetzt wird’s echt schwierig, der soll hier nicht auftauchen. Außer Q, G, X, Y, C und den Umlauten kennt sie nun das ganze Großbuchstabenalphabet und benutzt es auch. Denn der Nikolaus hat Magnet-Buchstaben gebracht. Ebenso gern, wie sie Wörter bildet, kratzt sie alle Buchstaben vom Kühlschrank runter und sortiert sie neu: gleich zu gleich.

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Mein mütterliches Kopfkino ist in vollem Gang: Was bedeutet es für ihre Zukunft, mit 2 lesen zu lernen? Wie beschütze ich sie vor Ablehnung und Einsamkeit, wie schaffen wir es, sie angemessen zu fördern, was kommt da jetzt auf uns zu? Muss ich „gefährliche“ Bücher aussortieren, sobald sie richtig lesen kann (zum Beispiel so pinkes Glitzerzeug)? Sollen wir einen Intelligenztest machen? Was heißt das für ihre Schullaufbahn? Lassen wir sie das alles gleich zweisprachig lernen? Ändern wir jetzt was oder erst, falls Probleme auftauchen?

Alles, was Spaß macht, darf sein. Sie bestimmt das Tempo.

Da wir eh bei unserer Kinderärztin waren letzte Woche, habe ich da gleich mal nachgefragt. Die Ärztin berichtete von ihrem krassesten Fall (und schon diese Formulierung ärgert mich), von einem Jungen, der mit zwei Jahren Straßenschilder las und mit vier Geschichten vorlesen konnte. Einen Intelligenztest kann man ab zweieinhalb bis drei Jahren machen, aber was bringt der uns? Wenn da ein „auffälliges“ Ergebnis rauskommt, was machen wir dann?

Nicht ausbremsen.

„Das sollst du erst in der Schule lernen“, muss für früh lesende Kinder der schlimmste Frust überhaupt sein. Ähnlich schlimm wird es sein, wenn Erwachsene zu sehr staunen. Oder sagen, es wäre „gruselig“, was sie können. Hab ich selber leider auch schon gesagt.

Ich lese natürlich alles, was das Internet so hergibt, und habe auch Vorwissen über hochbegabte Kinder. Die waren aber wesentlich älter, als das Thema und/oder Probleme aufkamen. Beim frühen Schriftspracherwerb geht es auch meist um Kinder im Alter von 3-5, die eben vor der Schule schon lesen lernen wollen. Die können auch artikulieren, dass und warum sie das wollen.

Dabei bin ich auf die Problematik des „Kalenderalters“ gestoßen. Für das Zusammenspiel von intellektueller, emotionaler, sozialer und motorischer Entwicklung ist das Kalenderalter oft überhaupt nicht brauchbar, nur weil es bei den meisten „passt“.

Keine Erwartungen, keine Vergleiche.

Wenn die meisten Kinder mit 6 in der Schule lesen lernen, sind sie kognitiv, emotional und sozial an einem völlig anderen Punkt, denken anders, verhalten sich anders und haben andere Bedürfnisse als eine Zweijährige.

Wie viel Input braucht sie? Wie zeigt sie, wann es reicht?

Will mein Kind jetzt auch schreiben lernen? Kann es das motorisch schon? Ich habe weiche Bleistifte gekauft, die meine Erstklässler auch benutzen, und diese Gummidinger, mit denen harte, schmale Stifte besser in der kleinen Hand liegen, falls sie das möchte. Sie malt ja sehr gern, am liebsten mit Kulis oder anderen Erwachsenenstiften, und neuerdings macht sie klitzekleine Krikeleien.

Wir brauchen einen Kindertisch. Oder? Braucht man einen kleinen Tisch, wenn man so klein schreiben lernen will? Soll ich ihre Handhaltung korrigieren?

Vorgestern Nacht hatte sie den ersten richtigen Nachtschreck. Wir hatten schon ab und zu die Vermutung, dass es so was sein könnte, was uns nachts beschäftigt, aber erst diesmal war es eindeutig, weil ein fremdes Geräusch (Sofa knackte) sie „geweckt“ hat. Hängt das jetzt zusammen? Schläft sie schlecht, weil sie so viel lernt?

Was wird das erste Buch sein, das sie alleine liest? Gibt es Bücher nur mit Großbuchstaben oder bring ich ihr einfach auch die kleinen noch bei?

Und: Ist das alles überhaupt wichtig? Warum kann ich sie nicht einfach machen lassen und sehen, was passiert?

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Das zweite, dritte und siebte A

Zwei Stunden später: Ja, sie will schreiben lernen. Und ja, sie kann das auch motorisch schon. Wie gut, hat mich sehr überrascht.

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Eine ganze Seite H

 

Fun Fact: Dies ist der erste Beitrag, bei dem ich überlege, ob es zu privat ist, was ich von uns preis gebe.

 

 

 

 

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